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Mit den Tipps von NaPra auf dem Weg zur klimaneutralen Praxis

Dr. Catriona Friedmacher und Dr. Dorothea Lemke von der Goethe-Universität in Frankfurt haben 150 Handlungsempfehlungen zusammengetragen, mit denen Arzt- oder Psychotherapeutenpraxen nachhaltiger werden können. Von ganz kleinen Einsparmaßnahmen bis zum großen Umbau ist hier alles dabei. Ein handlungsorientiertes Online-Toolkit, das eines deutlich aufzeigt: Möglichkeiten gibt es viele.

Text: Lars Menz — Fotos: Privat

Dr. Catriona Friedmacher ist Fachärztin für Allgemeinmedizin und arbeitet im Arbeitsbereich Qualitätsförderung und Versorgungsepidemiologie des Instituts für Allgemeinmedizin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Ihre Schwerpunkte sind die wissenschaftliche Begleitung der Umsetzung neuer Versorgungskonzepte auf Basis der evidenzbasierten Medizin, die Evaluierung neuer Versorgungsformen sowie Klimawandel und Gesundheit.

Dr. Catriona Friedmacher und Dr. Dorothea Lemke von der Goethe-Universität in Frankfurt haben 150 praxisnahe, einfach umsetzbare, evaluierte und evidenzbasierte Handlungsempfehlungen zusammengetragen, um Arztpraxen auf den Weg zur Klimaneutralität zu bringen. Ihr Projekt heißt NaPra – Nachhaltige Handlungsmöglichkeiten in einer hausärztlichen Praxis.

Vorbild England

Friedmacher brachte die Idee aus London mit, wo sie vor ihrer Tätigkeit in Frankfurt 12 Jahre als Allgemeinmedizinerin in einer Praxis arbeitete. Dort beschäftigte sie sich bereits viel mit dem Thema Nachhaltigkeit in Hausarztpraxen. Der britische NHS verfolgt bereits seit 2020 die Strategie „Delivering a Net Zero NHS“, um bis 2040 ein Netto-Null-Emissionssystem im Gesundheitssektor zu erreichen. „Als ich an die Goethe-Universität Frankfurt kam, wollte ich mich intensiver mit dem Thema Nachhaltigkeit in der Hausarztpraxis beschäftigen und entwickelte die Idee, ein umfassendes Toolkit zu erstellen“, erzählt Friedmacher. Gemeinsam mit Kollegin Dorothea Lemke stellte sie daraufhin das NaPra-Projekt auf die Beine, um eine evidenzbasierte, praxistaugliche und frei zugängliche Ressource zur Verfügung stellen. Ihr Toolkit will dabei helfen, die Umstellung von (Haus-)Arztpraxen zu mehr Klimaneutralität und eine nachhaltigere Patientenversorgung zu erreichen. Dorothea Lemke ergänzt: „Wir hatten an der Uni bereits das klinische Wahlfach „Klima und Gesundheit“ gestartet, bei dem es um die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit geht. Mit dem NaPra-Projekt haben wir das Thema Nachhaltigkeit am Institut für Allgemeinmedizin an der Goethe-Universität weiter vertieft.“

Ansatzpunkt Hausarztpraxis

„Der Alltag in einer Hausarztpraxis bietet zahlreiche Ansatzpunkte, um Emissionen zu reduzieren“, konkretisiert Friedmacher. „Die Integration nachhaltiger Maßnahmen, wie beispielsweise rationale Pharmakotherapie oder der Einsatz umweltfreundlicher Materialien und digitaler Dokumentationssysteme, kann dazu beitragen, den ökologischen Fußabdruck von Arztpraxen zu verringern. Nachhaltigkeit wird zunehmend auch in diesem Sektor zum wichtigen Thema, da sowohl Patientinnen und Patienten als auch medizinisches Personal von einer gesünderen Umwelt profitieren. Der Wandel hin zu einer klimabewussteren Praxisführung ist daher nicht nur ein Beitrag zum Umweltschutz, sondern auch zur langfristigen Gesundheitsförderung.“

Gesetzliche Vorgaben zur Nachhaltigkeit in Arztpraxen gibt es bislang nicht. Liegt Deutschland also diesbezüglich hinter den Engländern zurück? „Schon“, sagt Friedmacher ist aber optimistisch. „Es gibt viele Initiativen in Deutschland, die auf Klimaneutralität zielen. Nötig wäre es aber, dass diese verschiedenen Player auf größerer Ebene zusammenkommen. Derzeit sind alle leider eher noch als Einzelkämpfer unterwegs.“

„Die Relevanz von Nachhaltigkeit wurde eindeutig erkannt, der Grad der Umsetzbarkeit variierte aber sehr stark.“

Dr. Catriona Friedmacher

Dr. Dorothea Lemke ist Epidemiologin und Geowissenschaftlerin und war wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Allgemeinmedizin an der Goethe-Universität Frankfurt. Aktuell arbeitet sie am aQua-Institut in Göttingen. Sie war Mitbegründerin der Arbeitsgruppe Klima und Gesundheit am Institut für Allgemeinmedizin. Dr. Lemke ist zudem Mitglied der DEGAM-Sektion Klimawandel und Gesundheit.

Umfangreiches Projekt

Friedmachers und Lemkes Handlungsempfehlungen für die nachhaltige Hausarztpraxis basieren auf einer strukturierten und wissenschaftlichen Literaturrecherche mit rund 130 Quellen in unterschiedlichen Datenbanken. „Die Recherche haben wir in den ersten drei Projektmonaten durchgeführt und eine sehr umfassende Liste möglicher Handlungsempfehlungen erstellt“, erklärt Lemke. Anschließend wurde aus verschiedenen Praxen eine Fokusgruppe zusammengestellt und dezidiert nach der Umsetzbarkeit von Nachhaltigkeit befragt. Ergebnis: Viele Teilnehmer der Fokusgruppe haben den Wissenschaftlerinnen bestätigt, dass es an Wissen zum Thema fehlt. „Die Relevanz von Nachhaltigkeit wurde aber eindeutig erkannt, der Grad der Umsetzbarkeit variierte aber sehr stark. Das lag vor allem an praktischen Gründen. Es gibt zwar Empfehlungen, die relativ leicht umgesetzt werden können, beispielsweise Umstellungen beim Büromaterial oder ein Wechsel zum Ökostromanbieter. Aber wenn es um das Gebäude geht, wird es schon schwieriger“, erklärt Friedmacher. Ob eine Photovoltaikanlage eingebaut werden kann, hängt eben nicht nur von Motivation und Kosten ab, sondern auch von den Eigentumsverhältnissen der Immobilie selbst.

Online zugänglich

Die extrahierten Empfehlungen wurden anschließend auf der Internetseite von NaPra veröffentlicht, die regelmäßig aktualisiert und von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) gefördert wurde.

Die Handlungsempfehlungen lassen sich verschiedenen Themenbereichen einer hausärztlichen bzw. ambulanten Praxis zuordnen. Inhaltlich reichen die Themen vom Abfallmanagement, der Büro- und Praxisorganisation, über Mobilität bis hin zur Pharmakotherapie und dem Wasserverbrauch. Weitere Materialien wie auch Checklisten sind ebenfalls auf der Website zu finden.

„Wir haben uns mit verschiedenen Organisationen wie den KlimaDocs vernetzt, um das Thema auf breiter Basis voranzubringen.“

Dr. Dorothea Lemke

Positive Rückmeldungen

„Die Handlungsempfehlungen führen nicht nur zu einem reduzierten CO2-Fußabdruck in der Praxis, sondern auch zu Vorteilen im Rahmen des Qualitätsmanagements und der Patientensicherheit“, betont Friedmacher. „Man spart nicht nur CO2 und Energie, sondern auch Ressourcen und Kosten“. Gemeinsam mit ihrer Kollegin hat sie die Ergebnisse auf verschiedenen Kongressen und auch den Krankenkassen vorgestellt, die sehr interessiert waren. Lemke ergänzt: „Wir haben insgesamt sehr gute Rückmeldungen auf das Projekt bekommen, neben den Hausärztinnen und Hausärzten auch von den MFA. Darüber hinaus haben wir uns mit verschiedenen Organisationen wie den KlimaDocs vernetzt, um das Thema auf breiter Basis voranzubringen.“

Drei Tipps

Friedmacher und Lemke geben zum Schluss noch ihre drei Top-Tipps mit auf den Weg zur nachhaltigen Praxis. Erstens: Die Umstellung auf Ökostrom. Hier könne relativ einfach sehr viel erreicht werden, betonen beide. Zweitens: Die Medikamente. Verschreibungen prüfen und anpassen und zum Beispiel auf umweltfreundliche Inhalative umstellen. Auch hier läge ein großes CO2-Einsparpotenzial, sagen die Wissenschaftlerinnen. Und drittes wichtiges Thema, so Lemke, sei die Mobilität von Mitarbeitern und Patienten. Einfach mal mit den Öffis oder dem Fahrrad fahren, dies schone die Umwelt und habe gleichzeitig einen positiven Gesundheitseffekt. Praxisinhaber könnten ihren Angestellten aber auch den Patientinnen und Patienten zahlreiche gesundheitliche Anregungen geben und Unterstützung anbieten sowie auch als Vorbild dienen für einen klimafreundlichen Lebensstil mit vielen gesundheitlichen Co-Benefits.

Keine Studien

Es gibt bisher keine Studien, die den CO2-Fußabdruck einer hausärztlichen Praxis in Deutschland quantifizieren. Studien aus der Schweiz und Frankreich schätzen die Gesamtemissionen einer Hausarztpraxis auf 30 bis 40 Tonnen CO2-Äquivalente (CO2e) pro Jahr. Umgerechnet sind das 1,5 bis 5 kg CO2e pro Konsultation. Den beiden Studien zufolge verursacht den größten Anteil an den Gesamtemissionen der Transport von Patientinnen, Patienten und Mitarbeitenden zur Praxis. Den zweitgrößten Anteil verursachen medizinische Verbrauchsmaterialien mit 3 bis 5 Prozent. Allerdings muss hier einschränkend erwähnt werden, dass beide Studien die Medikamentenverordnungen nicht in die Berechnung einbezogen haben. Einer britischen Studie zufolge, habe aber die Verschreibung von Arzneimitteln bei weitem den größten Anteil am CO2-Fußabdruck (zusammen mit den medizinischen Verbrauchsmaterialien 61 Prozent), da viele Emissionen entlang der Wertschöpfungskette entstehen und dadurch nur indirekt beinflussbar sind.

Quelle: www.napra.info