10 Tipps zur nachhaltigen Praxis
Die apoBank aus Düsseldorf hat mit „Gemeinsam mehr bewirken – Wege zur nachhaltigeren Praxis“ einen umfangreichen Leitfaden auf dem Weg zur nachhaltigen Praxis entwickelt – Interview mit Praxisberater Christian Hase
Infografik Nachhaltigkeit in der Praxis
Quelle: apoBank: „Gemeinsam mehr bewirken – Wege zur nachhaltigeren Praxis“, 2023
Foto: apoBank: „Gemeinsam mehr bewirken – Wege zur nachhaltigeren Praxis“, 2023
Die apo-Bank aus Düsseldorf hat sich auf die Fahnen geschrieben, die Angehörigen der Heilberufe zu beraten und damit auch zum Thema nachhaltige Praxis. Der umfangreiche Leitfaden der Bank „Gemeinsam mehr bewirken – Wege zur nachhaltigeren Praxis“ enthält insgesamt zehn Bereiche aus dem Praxisalltag, in denen Vorkehrungen für eine nachhaltigere Praxis getroffen werden können. Unter anderem Hinweise zur Messung des Energieverbrauchs, zum besseren Material- und Entsorgungsmanagement, zu mehr Nachhaltigkeit durch Digitalisierung oder Anregungen für neue Mobilitätskonzepte. Eine Checkliste hilft zudem bei der Bestandsaufnahme. Der folgende Text fasst den Leitfaden und die zehn Tipps zusammen. Auf geht’s:
1. Energieverbrauch messen
Mit Hilfe des Energieausweises Ihrer Immobilie erhalten Sie einen schnellen Überblick über die Energieeffizienz. Relevant ist vor allem die verbrauchte Energiemenge zusammengesetzt aus Kraftstoff-, Strom-, Heiz- und Kühlenergie. Suchen Sie auch die größten Stromfresser in Ihrer Praxis, beispielsweise mit einem Strommessgerät – in einigen Verbraucherzentralen sind die Geräte auch als Leihgabe erhältlich. Schalten Sie das Messgerät zwischen Steckdose und Endgerät und vergleichen Sie den aktuellen Verbrauch mit einem effizienten Neugerät.
2. Gebäude nachrüsten
Die Energiebilanz von Neubauten fällt in der Regel positiver aus. Doch auch Altbauten können durch intelligente Sanierung nachgerüstet werden, z. B. durch die Installation einer Photovoltaikanlage oder die Verbesserung der Dämmung und Isolierung. Auch mit weniger aufwändigeren Maßnahmen können Sie eine große Wirkung erzielen. Setzen Sie beispielsweise auf eine Verschattung Ihrer Praxisräumlichkeiten durch Rollos, Jalousien oder Beschichtung Ihrer Fenster mit wärmedämmender Folie. Das führt zu einer Kühlung auch an heißen Sommertagen.
3. Praxis ins Visier nehmen
Wasser sparen geht mit automatischen Wasserstopps, mit Perlatoren, mit wassersparenden Armaturen – oder auch mit Gewohnheitsänderungen: kaltes Wasser beim Händewäschen nutzen, Pflanzen mit Regenwasser gießen.
Stromkosten reduzieren Sie indem Sie Dauerbetrieb vermeiden, insbesondere bei Praxiscomputern lohnt sich der Energiespar- oder Ruhemodus. Elektrogeräte, die nachts oder am Wochenende nicht benötigt werden, an Steckerleisten mit Netzschaltern anschließen und nach Arbeitsende trennen.
Überprüfen Sie das Beleuchtungskonzept und kontrollieren Sie, ob es sich bei allen Leuchtmitteln um LEDs handelt. Bewegungsmelder oder Tageslichtsensoren mit Dimm-Funktion können in wenig genutzten Räumen dazu beitragen, den Stromverbrauch zu senken. Verwenden Sie bei Reinigungs- und Desinfektionsgeräten oder auch der Spülmaschine das ECO-Programm und schalten Sie die Geräte nur ein, wenn sie auch vollständig beladen sind. Ihr Medikamentenkühlschrank ist ein Vielfraß? Dann lohnt sich ein Austausch durch ein Gerät mit hoher Energieeffizienz.
Heizen Sie moderat, Heizungen in ungenutzten Räumen aus- oder herunterstellen, Heizkörper freihalten sowie Stoßlüften statt dauerhaft leicht geöffneter Fenster. Setzen Sie (digitale) Helfer ein: Kontaktschalter drosseln bei geöffnetem Fenster automatisch die Heizung, smarte Thermostate senken nachts und am Wochenende die Temperatur.
4. Materialmanagement verbessern
In einer Praxis fällt eine Menge Müll an und vieles davon ist aus hygienischen Gründen leider unvermeidbar. Um dem Verbrauch etwas entgegenzusetzen, können sich (Dampf-)Sterilisatoren oder eine Sterilisationspartnerschaft mit einer Praxis in der Nähe bezahlt machen. Für verschiedene Einwegartikel, wie Papiertücher, Nierenschalen oder auch Mundspülbecher gibt es mittlerweile viele recycelte Alternativen mit besserer Ökobilanz. Grundsätzlich sollte eine sparsame Nutzung die Maßgabe sein.
Überflüssige oder kaum gelesene Zeitschriften sollten Sie abbestellen. Oder Sie nutzen digitale Alternativen. Mittels GPS-Tracking können Sie für vordefinierte Wartezonen ausgewählte Zeitschriftensortimente für Ihre Patientinnen und Patienten freischalten.
Nachhaltige Entscheidungen können Sie auch bereits beim Einkauf treffen. Neben einer fachgerechten Lagerung sollten Sie vor großen Mengenbestellungen immer die Verfallsdaten Ihres aktuellen Bestands abgleichen, um nichts wegwerfen zu müssen. Versuchen Sie darüber hinaus beim Einkauf Nachfüllpackungen oder Konzentrate zu bestellen oder denken Sie über eine Einkaufsgemeinschaft mit Praxen in Ihrer Nähe nach. Sammelbestellungen sparen nicht nur Emissionen, sondern auch Liefergebühren und Verpackungsmüll.
5. Entsorgungsmanagement überdenken
Die Maßnahmen zur Abfallentsorgung sind Bestandteil des praxisinternen Hygieneplans. Je besser der Müll sortiert wird, desto eher lässt er sich wiederverwerten. Teilen Sie Ihren Praxismüll in zwei Oberkategorien. Erstens solcher Abfall, der keiner weiteren Behandlung bedarf und zweitens solcher, für den Sie besondere Schutzmaßnahmen treffen müssen. Extra beschriftete Behälter für Papier und Restmüll können Ihnen im Anschluss bei der Mülltrennung helfen. Nutzen Sie für die Abgabe alter Geräte, Toner-Kartuschen oder auch Leuchtmittel einen Wertstoffhof in Ihrer Nähe.
6. Praxis digitalisieren
Der Papierverbrauch in Praxen ist hoch. Dabei lässt sich die Zettelwirtschaft durch digitale Prozesse um ein Vielfaches minimieren. Für die interne Kommunikation mit Ihren Mitarbeitenden eignen sich Messaging-Dienste. Bieten Sie eine Telemedizin-Sprechstunde und Online-Terminvergabe an – das spart Zeit und Fahrwege. Auch die Einbindung digitaler Gesundheitsanwendungen, kurz DiGAs, kann eine ressourcenschonende Ergänzung darstellen. Surfen im Netz hat zwar keinen direkten Einfluss auf die CO2 Bilanz Ihrer Praxis, dennoch können Sie und Ihr Team mit Suchmaschinen wie Ecosia oder E-Mail-Diensten, wie Posteo zu einer nachhaltigeren Nutzung des Internets beitragen.
7. Einfluss von Pharmazie beachten
Die Herstellung von Medikamenten verursacht eine Menge Emissionen. Ein großer Anteil der aufgenommenen Medikamente landet auf natürlichem Wege wieder im Abwasser. Ca. 20 bis 45 Prozent der Bevölkerung entsorgen abgelaufene oder nicht mehr benötigte Medikamente regelmäßig über die Toilette oder die Spüle. Klären Sie Ihre Patientinnen und Patienten daher über die sachgerechte Entsorgung von Medikamenten auf. Unter www.arzneimittelentsorgung.de können Sie sich hierzu informieren.
Bei der Medikation ist weniger mehr. Insbesondere bei sehr langen Medikamentenlisten empfiehlt sich eine Überprüfung, ob diese noch aktuell sind. Darüber hinaus trägt die Vermeidung von Medikamentenproben der Pharmaindustrie einen großen Teil zur Verringerung der Umweltbelastung bei.
8. Mobilitätskonzept einführen
Video-Konferenzen oder digitale Fortbildungen ersparen die Anreise, Übernachtungskosten und begrenzen den Zeitverlust. Für Ihre Dienstreisen sollten Sie die Anreise mit der Bahn, dem Flugzeug oder Auto vorziehen. Sprechen Sie mit Ihrem Team über Möglichkeiten ein steuervergünstigtes Jobticket oder Dienst-E-Bike zu beziehen und ermöglichen Sie sichere Fahrradstellplätze. Ein Firmen-E-Bike ist nachhaltiger, wenn es mit Ökostrom betrieben oder am besten mit der praxiseigenen Photovoltaikanlage geladen wird. Informieren Sie auf Ihrer Webseite zur Erreichbarkeit der Praxis mit dem öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV). Sichere Fahrradstellplätze können auch hier hilfreich sein. Eine gute telefonische Erreichbarkeit, Online-Terminvereinbarung sowie die Einrichtung einer Videosprechstunde helfen gleichzeitig Anfahrtswege zu reduzieren. Ihre Praxis führt regelmäßig Hausbesuche durch? Hier kann die Anschaffung eines Hybrid- oder Elektrowagens sinnvoll sein.
9. Praxis nachhaltig führen
Die Treibhausgasemissionen der Praxis senken sind das eine, soziale Kriterien sind das andere. Neben wichtigen Maßnahmen zur Wahrung des Arbeitsschutzes und der Gesundheitsförderung sollte der Personaleinsatz und die Personalorganisation beispielsweise integrativ miteinander verbunden sein. Und was spricht dagegen, beim nächsten Team-Event gemeinsam einige Bäume zu pflanzen oder an einer Straßensäuberungsaktion teilzunehmen? Beraten Sie auch Ihre Patientinnen und Patienten zu Themen der Nachhaltigkeit. Weisen Sie auf die positiven Effekte einer gesunden Lebensweise für Mensch und Klima hin. Falls es zu Ihrem Behandlungskonzept passt, bieten Sie eine „Klima-Sprechstunde“ an.
10. Finanzen nachhaltig aufstellen
Private Finanzierungen und Investition können ebenfalls einen großen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit und gesamtgesellschaftlicher Ziele leisten. Wer in nachhaltig wirtschaftende Unternehmen investiert, kann beispielsweise sein Portfoliorisiko senken und auch ökonomisch profitieren. Für Ihre eigene Geldanlage gibt es verschiede Möglichkeiten: vom Ausschluss nicht nachhaltiger Geschäftsbereiche bis hin zur gezielten Investition in Unternehmen mit positivem Einfluss auf Umwelt und Gesellschaft.
Den ausführlichen Leitfaden finden Sie unter: newsroom.apobank.de
„Das lohnt sich meist auch finanziell“
Interview mit Praxisberater Christian Hase von der Deutschen Apotheker- und Ärztebank
Christian Hase, Praxisberater bei der Deutschen Apotheker- und Ärztebank (apoBank).
Foto: apoBank Hannover
Warum sollten aus Ihrer Sicht Ärztinnen und Ärzte eine nachhaltige Praxis anstreben?
Christian Hase: Es gibt gleich zwei gute Gründe: Richtet man die eigene Praxis nach ökologischen Kriterien aus, lohnt sich das meist auch finanziell, beispielsweise durch die Reduzierung von Energie-, Wasser- oder Materialverbrauch. Eine entsprechende Ausrichtung bedeutet dabei nicht zwingend große Investitionen, häufig sind eine strategische schrittweise Optimierung bestehender Abläufe und Digitalisierung von Prozessen schon sehr hilfreich.
Ärztinnen und Ärzte haben zudem als Heilberufler eine besondere gesellschaftliche Aufgabe, nämlich den Gesundheitsschutz, und intakte Lebensgrundlagen gehören untrennbar dazu. Sie sind die erste Anlaufstelle für gesundheitliche Sorgen und haben entsprechend auch eine gewisse Vorbildfunktion. Wir sprechen längst nicht mehr über ein „Nice-to-have“, sondern über ein zentrales Zukunftsthema für Arztpraxen.
Wie häufig und mit welchen Schwerpunkten wird das Thema Nachhaltigkeit von Ärztinnen und Ärzten bei Ihnen nachgefragt?
Das Interesse ist da, das zeigen auch unsere Kundenumfragen. Für eine erste Orientierung haben wir eine Checkliste und einen Leitfaden mit Sofort-Maßnahmen erarbeitet – damit können Praxisteams die wichtigsten Stellschrauben angehen, sei es bei Ressourcenverbrauch, Entsorgungsmanagement oder Digitalisierung zur Reduktion von Papier und Arbeitsaufwand. Auch Mobilitätskonzepte für das Team und den Praxisbetrieb gehören dazu. Damit können Ärztinnen und Ärzte zunächst prüfen, welche Maßnahmen eigenständig umsetzbar sind und wo externe Unterstützung notwendig ist.
Klimaschutz, also den ökologischen Fußabdruck der Praxis zu verringern, ist das eine Thema, das andere ist Klimaanpassung: Das bedeutet für Ärztinnen und Ärzte auch, das Patientenmanagement an die Auswirkungen des Klimawandels anzupassen. So müssen sie beispielsweise berücksichtigen, dass Hitze die Wirkung verschiedener Medikamente – unter anderem zur Behandlung von Bluthochdruck oder Diabetes – beeinflusst.
Zusätzlich bieten wir gemeinsam mit der Deutschen Allianz für Klimawandel und Gesundheit (KLUG) Workshops an, mit denen die Praxisoptimierung in Bezug auf Klimaschutz und Klimaanpassung oder speziell die Erarbeitung von Hitzeschutzkonzepten individuell besprochen und geplant werden kann. Für Ärztinnen und Ärzte, die eine Niederlassung planen und diese direkt ökologisch ausrichten, z. B. durch den Bezug von Ökostrom, übernehmen wir beispielsweise ¾ der Kosten für den Workshop mit KLUG.
Worauf sollten Ärztinnen und Ärzte bei der Finanzierung einer nachhaltigen (Bau-)Maßnahme in ihrer Praxis achten?
Bei baulichen Maßnahmen ist es wichtig, vor allem eine strategische und realistische Herangehensweise zu wählen, die Vorhaben nicht isoliert zu betrachten und deren Umsetzung so zu planen, dass der laufende Praxisbetrieb nicht belastet wird.
Gerade bei größeren Projekten wird immer wieder deutlich, dass man ökologisch sinnvolle Entscheidungen auch immer aus ökonomischer Perspektive betrachten sollte: Viele Investitionen rechnen sich langfristig, dazu gehören beispielsweise Energieeinsparungen über Jahre. Deswegen ist es wichtig, nicht nur auf die initialen Anschaffungs- und Baukosten zu schauen und mögliche Förderprogramme frühzeitig einzubeziehen.