Dr. Marion Charlotte Renneberg im Gespräch mit KV-Redakteur Lars Menz im Haus der Ärztekammer Niedersachsen in Hannover.
Foto: Jessica Weigel
„Der Klimawandel macht krank“
Dr. Marion Charlotte Renneberg ist Hausärztin und Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen. Nachhaltigkeit in der Arztpraxis und die Information der Patientinnen und Patienten über die gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels sind ihr wichtig. Wie schwierig es aber ist, diese Themen berufspolitisch voranzubringen, erläutert sie im Interview.
Frau Dr. Renneberg, wird Nachhaltigkeit ein Thema Ihrer kürzlich begonnen Amtszeit als Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen sein?
Dr. Marion Charlotte Renneberg: Ganz bestimmt, da ich es in der Tat für ausgesprochen wichtig halte.
Haben Sie den Berufsstand dabei auf Ihrer Seite?
Ja, denn der Klimawandel macht viele Menschen krank. Im Übrigen steht in unserer Berufsordnung, dass es unsere Aufgabe ist, an der Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen mitzuwirken.
Ganz allgemein betrachtet steht das Thema Nachhaltigkeit derzeit jedoch nicht im Fokus. Wie sehen Sie das?
Es ist leider so, dass das Thema politisch tatsächlich an die Seite gedrängt ist, auch weil wir im Moment viele andere brisante Themen beziehungsweise Krisen haben. Doch spätestens im Sommer, wenn die Hitze kommt, sind auch die Themen Nachhaltigkeit und Klimawandel zurück auf der Agenda.
Wie gehen Sie in Ihrer eigenen Praxis damit um?
Unsere Praxis liegt im ersten Stock. Es kann dort sehr warm werden. Wir reichen Patientinnen und Patienten zum Beispiel Getränke und kühlen die Räume. Tatsächlich verlegen wir auch die Praxiszeiten und raten den Patientinnen und Patienten, in den frühen Morgenstunden oder in den Abendstunden zu kommen. Wir dürfen auch diejenigen, die allein leben, nicht vergessen. Denn das sind häufig ältere Menschen, die von Nachrichten oft nicht gut erreicht werden und nicht wissen, was sie gegen Hitze tun können. Es ist wichtig, die vulnerablen Gruppen im Blick zu behalten, etwa durch vermehrte Hausbesuche in Hitzeperioden.
Betreiben Sie eine grüne Arztpraxis?
Nun, wir denken über Fragen des effizienten Einkaufs oder der Müllentsorgung nach. Die möglichst zurückhaltende Verwendung von Einmal-Instrumenten, von möglichst ökologischen Desinfektionsmitteln oder auch der Papierverbrauch sind weitere Themen. Besonders wichtig ist, die Mitarbeitenden zu schulen, die ja den Einkauf managen, aber auch zum Beispiel bei Hitze, Akutsituationen erkennen und wissen müssen, wie sie darauf richtig reagieren.
Foto: Nancy Heusel
„Der Klimawandel ist eine globale Krise, der wir uns stellen müssen, auch berufspolitisch.“
Dr. Marion Charlotte Renneberg
Noch einmal zurück zur Berufspolitik. Wie geht die Kammer mit dem Thema um?
Wir unterstützen seit Jahren aktiv den bundesweiten Hitzeaktionstag, um auf die Gefahren von Hitze sowie mögliche Schutzmaßnahmen hinzuweisen. Weiterhin hatten wir schon vor einigen Jahren eine Projektgruppe, in der es um Nachhaltigkeit und die Auswirkungen des Klimawandels ging. In einem Arbeitskreis „Prävention und Umwelt“ haben wir uns vor einiger Zeit auch mit der Frage befasst, wie wir Nachhaltigkeit im eigenen Haus, also dem der Ärztekammer gestalten. Auch das halte ich weiterhin für ein wichtiges Thema. Es ist ja so, wir sprechen über Krisen. Und der Klimawandel ist eine globale Krise, der wir uns stellen müssen, auch berufspolitisch.
Wie kann das gelingen?
Wir müssen auf die Politik zugehen und Forderungen stellen. Das halte ich für eine Pflichtaufgabe, sowohl auf Landes-, wie auch auf kommunaler Ebene. Ich werde versuchen, das Thema auch auf Bundesebene in Berlin zu platzieren.
Welche Forderungen stellen sie?
Zum Beispiel, dass wir stärker auf die schon erwähnten vulnerablen Gruppen achten – also Wohnungslose, Ältere, Schwangere, Kinder, Menschen mit chronischen Erkrankungen, Demenz-Patienten oder solche, die viele Medikamente einnehmen. Häufig vergessen werden die Menschen, ich sagte es schon, die allein leben. Die müssen wir identifizieren. Ich wünsche mir Netzwerke für einen raschen Informationsaustausch, sodass wir schnell und gezielt helfen können. Wir brauchen flächendeckende Aktionspläne für die ambulante Versorgung, wie ich sie in der stationären Pflege schon gesehen habe. Da gibt es punktuell sehr gute Beispiele, an denen wir uns orientieren sollten.
Und: Neben der Versorgung ist auch die Gestaltung unserer Lebensräume wichtig, die öffentliche Bereitstellung von Wasser sowie Kühlmöglichkeiten und mehr Grünflächen. Ausgesprochen spannend finde ich auch Fragen zur Art der Bepflanzung. Es wird schließlich immer wärmer. Bäume, die heute gepflanzt werden, um Schatten zu spenden und die Umgebung zu kühlen, müssen auch in 20 Jahren noch hier wachsen können. Sie sollten also in Hitzeperioden keinen Schaden nehmen und keine intensive Bewässerung benötigen.
Wird die Kompetenz der Ärzteschaft bei diesen Fragen ausreichend gehört?
Wir müssen uns zu Wort melden und im öffentlichen Diskurs lauter werden. Die Ärztekammer hat im letzten Jahr zu diesen stadtplanerischen Fragen ein Symposium mit der Architektenkammer Niedersachsen veranstaltet. Das wurde auch von der Öffentlichkeit sehr gut aufgenommen. Auf Landesebene gibt es das Niedersächsische Aktionsforum Gesundheit und Klima (NAGuK), indem ich die Ärztekammer und auch die Kassenärztliche Vereinigung vertrete. Dessen Ziel ist es, Akteurinnen und Akteure des Gesundheitswesens zu vernetzen und Erfahrungen bezüglich der Auswirkungen des Klimawandels auf die verschiedenen Bereiche des Gesundheitssystems auszutauschen. Auch da wird das ärztliche Know-how gehört. Aus der NAGuK-Mitgliedschaft heraus haben wir als Ärztekammer die Fortbildungsreihe „Umwelt und Gesundheit“ für die ärztlichen Kolleginnen und Kollegen entwickelt und jedes Mal über 100 Teilnehmende gehabt – Tendenz steigend. Das alles zeigt, dass sich die Ärzteschaft der Wichtigkeit des Themas bewusst ist und in der Öffentlichkeit durchaus eine Rolle spielt.
„Je stärker die Klimaerwärmung ausfällt, desto stärker sind auch die Folgen für die Gesundheit.“
Dr. Marion Charlotte Renneberg
Welche Bedeutung hat das Thema bei den Patientinnen und Patienten?
Ich denke, es spielt bislang noch keine große Rolle. Unsere Aufgabe als Ärztinnen und Ärzte ist es, den Patientinnen und Patienten bewusster zu machen, was es eigentlich für ihre Gesundheit bedeutet, dass beispielsweise die Pollensaison länger wird, der Blutdruck bei Hitze steigt und sich die Wirkungsweise von Medikamenten ändern kann. Ich sehe Interesse vor allem bei den jüngeren Patientinnen und Patienten und auch bei den jungen Kolleginnen und Kollegen, die hierzu auch auf einem der letzten Deutschen Ärztetage kräftig diskutiert haben.
Sind Nachhaltigkeit und Klimawandel Inhalte der ärztlichen Weiterbildung?
In der Weiterbildung sind die Punkte zum Teil verankert, sicherlich kann das aber noch verstärkt werden – das gilt ebenso für die Fortbildung wie auch das Studium.
Ist das alles ausreichend?
Im Rahmen der Krisenbewältigung, und der Klimawandel ist eine Krise, müssen wir uns einbringen. Je stärker die Klimaerwärmung ausfällt, desto stärker sind auch die Folgen für die Gesundheit. Gerade in den Praxen erreichen wir viele Menschen, die wir informieren können, wie sich der Klimawandel auf die Gesundheit auswirkt und wie sich die Bevölkerung schützen kann. Gleichzeitig sollten wir alle schauen, was wir tun können, um den Klimawandel zu begrenzen.
Welche Informationen geben Sie Ihren Patientinnen und Patienten mit?
Ich versuche mit positiven Botschaften zu arbeiten. Das Schöne ist, dass viele gesundheitsfördernde Maßnahmen auch gut für das Klima und die Umwelt sind. Mit kleinen Schritten – weniger Fleischkonsum und mehr regionale Lebensmittel, mehr Wege zu Fuß oder mit dem Rad, weniger Rauchen – tun wir was Gutes für uns und die Umwelt.
NAGuK-Podcast auf Spotify:
Wie klimaresilient sind Arztpraxen? Dieser Frage geht der NAGuK-Podcast mit den beiden Hausärztinnen Dr. Marion Charlotte Renneberg und Dr. Christiane Qualmann auf den Grund. Inwiefern der Klimawandel den Praxisalltag beeinflusst, welche Anpassungsmaßnahmen es in den Praxen bereits gibt und warum es manchmal kontraproduktiv sein kann, bei der Gesundheitsberatung auf die klimafreundlichen Co-Benefits einzugehen, erfahren Sie in dieser Folge.