„Haltung zeigen!“
Dr. Susanne Balzer ist eine engagierte Internistin aus Köln und Mitglied des KlimaDocs e.V., einem Netzwerk von über 1.400 Gesundheitsfachkräften. Für sie hängen Klimaschutz und Gesundheit eng zusammen. Wie sie Patienten für das Thema sensibilisiert, wie ihre Kolleginnen und Kollegen reagieren und warum jeder nachhaltige Schritt in der Praxis ein guter Schritt ist, berichtet sie im Interview.
Dr. Susanne Balzer ist Hausärztin und niedergelassen in einer Gemeinschaftspraxis in Köln. In Ihrer zertifizierten Praxis achtet sie auf viele Aspekte der Nachhaltigkeit.
kvn.magazin: Frau Dr. Balzer, was war die Gründungsidee des Vereins KlimaDocs e.V.?
Dr. Susanne Balzer: Ein Freundeskreis aus Ärztinnen und Ärzten sowie Angehörigen anderer Gesundheitsberufe hat sich gefragt, wie wir dem Klimawandel auf professioneller Ebene begegnen könnten. Aus dieser Frage heraus entstanden 2021 die KlimaDocs. Und dann kam sehr schnell der erste allgemeine Flyer als Informationsmaterial heraus. Ich selbst war aber ganz am Anfang noch nicht dabei.
Dafür aber Eckart von Hirschhausen.
Ja, der war über persönliche Kontakte involviert und übernahm zu Beginn die Schirmherrschaft. Er ist uns immer noch verbunden.
Sie sprachen Ihren ersten Flyer an. Was war der Ansatz?
Zu diesem Zeitpunkt gab es vor allem aktivistische Plakate, die eine brennende Erde zeigten oder ähnliches. Mir war von vornherein klar, dass ich diese Botschaft nicht in mein Wartezimmer hängen wollte, weil ich nicht alarmieren oder Ängste schüren möchte. Wir versuchen daher, über Positivbotschaften die Patientinnen und Patienten zu erreichen und ihnen aufzuzeigen, dass wir sehr viel für unsere Umwelt tun können und das aktiver Umwelt- und Klimaschutz unmittelbarer Gesundheitsschutz ist. In unseren Materialien propagieren wir den Erhalt unserer natürlichen Grundlagen. Luft und Wasser müssen sauber, Pflanzen müssen essbar sein. Auch ein friedliches Miteinander und erträgliche Temperaturen gehören dazu. Die Umwelt hat einen direkten Einfluss auf unsere Gesundheit. Wir wollen in die Breite tragen, dass jede und jeder über Gesundheits- und Klimaschutzmaßnahmen selber gesünder werden und die Umwelt schützen kann.
Wie verbreiten Sie die Materialien?
Über unsere Website, vor allem aber über den Touchpoint Wartezimmer.
Und das funktioniert?
Es gibt einen konstanten Absatz. Viele Patientinnen und Patienten nehmen sich aber auch den Flyer, lesen ihn und legen ihn wieder zurück. Das beobachte ich schon. Das Thema ist aktuell allerdings keines, das einem wie warme Semmeln aus den Händen gerissen wird.
Wer sind die KlimaDocs?
Der KlimaDocs e.V. wurde 2021 von Angehörigen der Gesundheitsberufe in Köln gegründet. Ziel ist es, Ärztinnen und Ärzte dafür zu gewinnen, sich für mehr Gesundheit durch Klimaschutz einzusetzen und Patientinnen und Patienten durch Informationsmaterial darüber aufzuklären, wie eng Klima und unsere Gesundheit miteinander verbunden sind – und welche einfachen Maßnahmen besonders effektiv sind, um beide zu schützen.
Neben kostenfreien Flyern und Broschüren sowie Fachinformationen (z.B. über Frauengesundheit, Lungengesundheit u.a.), die zum Teil mit Partnern wie dem Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit (BIÖG) erarbeitet werden, gibt es auch zahlreiche digitale Medien. Online oder über das Wartezimmer wird das Material an die Zielgruppe gegeben. Jede Ärztin und jeder Arzt, der das Material bestellt, ist automatisch ein KlimaDoc. Eine Zahlung geht damit nicht einher, auch wenn man spenden oder Fördermitglied werden kann. Mittlerweile ist das Netzwerk auf 1.400 KlimaDocs gewachsen – 117 davon aus Niedersachsen. Neben dem ehrenamtlichen Team von Gesundheitsfachkräften und Expert:innen für Gesundheitskommunikation beschäftigt der Verein vier Angestellte, davon eine Vollzeitstelle.
Hat das Interesse an den Themen Klimaschutz und Nachhaltigkeit in den letzten Jahren nachgelassen, nachdem es politisch derzeit an den Rand gedrängt wird?
Ja, das Interesse ist rückläufig. Sowohl politisch als auch bei den einzelnen Menschen gerät es leider aus dem Fokus. Die Sorgen um Krisen, Kriege, wirtschaftlichen Verfall oder Inflation überwiegen. Dabei ist die Klimakrise eine übergeordnete Krise und zum Teil ja die Ursache von Wirtschaftskrisen und Kriegen.
Versuchen Sie auch Ihre Kolleginnen und Kollegen zu sensibilisieren?
Ja, unsere Motivation ist, dass sich uns viel mehr Kolleginnen und Kollegen anschließen und über eine sehr einfache und kostenlose Positionierung im Wartezimmer auch KlimaDocs werden. Wir klären daher auch über Nachhaltigkeit in der Arztpraxis auf – auch wenn die Aufklärung der Patienten im Fokus steht. Ich selbst habe meine Praxis als nachhaltig zertifizieren lassen.
Was beinhaltet eine solche Zertifizierung?
Wir nutzen beispielsweise Ökostrom, achten bei Hitze auf Verdunklung und Verschattung, vermeiden Müll, treiben Digitalisierung voran. Und wir beziehen das Team mit ein, das ist ein wichtiger Aspekt. Die Zertifizierung bezweckt eine ökologische, ökonomische und soziale Transformation der Praxis.
Sind die Praxisteams bei dem Thema denn schnell an Bord oder muss viel Überzeugungsarbeit geleistet werden?
Jein. Es ist sehr unterschiedlich. In meiner Praxis war das ein Prozess. Am Anfang war ich die „Öko-Tante”, dann haben die MFA durch die Zertifizierung auch Freude an der Transformation gewonnen und sind nun sehr aufmerksam, bestellen zum Beispiel Zeitschriften ab, um Papier zu sparen, sprechen viel mit unserem Zulieferer, der wiederum inzwischen weiß, wie wir aufgestellt sind und uns dahingehend berät, welche Produkte wir beispielsweise austauschen können, um weniger Müll zu produzieren. Die Ideen halten das Team auch zusammen und das ist gut für unsere Gemeinschaft.
Nochmal zurück zu Ihren ärztlichen Kolleginnen und Kollegen. Wie reagieren die?
Wenn ich Vorträge halte, ist eine große Zustimmung zu spüren. Es gibt aber einige, die dem Thema gegenüber überhaupt nicht aufgeschlossen sind, auch weil sie eine entsprechende Beratung der Patientinnen und Patienten nicht abrechnen können – außer in einem gewissen Rahmen in Bayern und Baden-Württemberg, wo es schon unter verschiedenen Voraussetzungen möglich ist, eine klimasensible Gesundheitsberatung vergütet zu bekommen.
Informationsvideo für Praxis-Websites
Einfache Schritte zu mehr Gesundheit durch Klimaschutz. In dem Informationsvideo für Ihre Website macht Prof. Dr. Eckart von Hirschhausen darauf aufmerksam, dass Sie sich als KlimaDoc aktiv für die Gesundheit Ihrer Patient:innen einsetzen. Hier bestellen.
Was könnten Arztpraxen denn ganz einfach umsetzen, um für mehr Nachhaltigkeit zu sorgen?
Man kann klein anfangen. Ökostromanbieter wählen, Digitalisierung vorantreiben, mehrheitlich auf Papier verzichten. Wichtig ist es, sich einfach ein Herz zu fassen. Jeder Schritt ist ein guter Schritt und es zählt jedes Zehntel Grad reduzierte Erderwärmung. Ärztinnen und Ärzte sollten sich positionieren, Material von den KlimaDocs einfach mal auslegen und darüber Peu à peu ins Handeln kommen. Das ist so niederschwellig, das kann ich gar nicht genug betonen. Nicht jede oder jeder muss gleich mit allerbestem Beispiel voran gehen und beispielsweise auf jegliche Flugreise verzichten, autofrei leben oder kein Fleisch mehr essen. Den Weg in die richtige Richtung einzuschlagen und zu sagen, ich fange an, das ist wichtig. In unseren Flyern stehen nur basale Klimaschutz und Gesundheitsschutzmaßnahmen, sogenannte Co-Benefits, wie Bewegung oder Ernährung. Das kann man, glaube ich, gut machen, um einen Schritt in Richtung nachhaltige Arztpraxis zu tun. Wenn wir andere motivieren selbst etwas beizutragen, spricht man davon, seinen Handabdruck zu vergrößern.
Wie treten Sie selbst den Patientinnen und Patienten in Ihrer Sprechstunde gegenüber?
Zunächst mal ist es eine Positionierung, die im Wartezimmer beginnt. Ich habe in meinem Sprechzimmer ein Plakat der KlimaDocs hängen und zeige so, dass ich für Gespräche offen bin. Ich bin aber niemand, die das aufdringlich macht. Aber wenn ich auf ein Asthma-Spray einstelle, weise ich, wenn möglich, auf den Pulverinhalator hin, der die klimafreundlichere Variante gegenüber eines Inhalators mit Treibhausgasen ist. Da springen viele Patientinnen und Patienten drauf an und sagen, klar, wenn der gleichwertig ist, ist das super.
Erhebungen zeigen aber, dass Patienten, die mit einem Krankheitsanliegen kommen, ungern zu Klimaschutzmaßnahmen aufgeklärt werden.
Das individuelle Gesundheitsanliegen steht bei den Patientinnen und Patienten natürlich im Vordergrund und insofern muss man sein Gegenüber gut kennen, was man ja als Hausärztin in der Regel tut, um dann sensibel darauf einzugehen. Wenn ich weiß, der- oder diejenige ist darauf gut zu sprechen, kann ich das sehr offen thematisieren. Und wenn ich jemanden habe, den das Thema überhaupt nicht angeht, tue ich es implizit. Das heißt ich zeige beispielsweise bei erhöhtem Bluthochdruck auf, dass eine pflanzenbasierte Mischkost und mehr Bewegung sinnvoll sind.
Weil auch das das Klima schützt?
Ja, es ist ein Co-Benefit. Wenn die Patientinnen und Patienten mit dem Fahrrad zur Praxis kommen oder ihre Alltagswege öfter ohne motorisierten Individualverkehr zurücklegen, tragen sie neben dem Nutzen für ihre eigene Gesundheit auch zu einer geringeren Luftverschmutzung und weniger CO2-Emissionen bei. Die Ernährungswende ist bei Klimaschutzmaßnahmen ein Haupthebel, weil tierische Produkte einen wahnsinnig hohen Eintrag haben. Eine Umstellung auf pflanzenbasierte Mischkost reduziert 20 bis 30 Prozent nicht übertragbare Erkrankungen und kann die CO2-Emissionen einer Person bezüglich seiner Ernährung um rund 80 Prozent senken! Das heißt, es ist sehr lohnenswert, primärpräventive oder im Falle einer Erkrankung sekundärpräventive Maßnahmen umzusetzen. Das ist ein großer Hebel in der klimasensiblen Gesundheitsberatung. Hier arbeiten wir deshalb aktuell an einer Broschüre, die dieses Jahr zum Thema Ernährung veröffentlicht wird.
„Peu à peu ins Handeln kommen. Das ist so niederschwellig, das kann ich gar nicht genug betonen.“
Dr. Susanne Balzer
Schwerpunkt 2026: Ernährung
Für dieses Jahr haben sich die KlimaDocs das Thema „Ernährung“ auf die Fahne geschrieben. Hierfür arbeiten die Docs mit der Deutschen Gesellschaft für Ernährung und der Physicians Association for Nutrition (PAN DACH) zusammen, um das Thema effektiv in die Breite tragen zu können.
Alles Infos zum Verein unter: klimadocs.de
Wo sehen Sie die Grenzen einer klimasensiblen Gesundheitsberatung?
Gesundheit geht vor, viele unserer Maßnahmen bewirken einen hohen CO2-Eintrag. Ein CT verbraucht beispielsweise jährlich ca. 26.000 kWh, ein MRT 134.000 kWh, ein 4-Personen-Haushalt vergleichsweise im Schnitt ca. 3.000 kWh. Zwei Drittel des ökologischen Fußabdrucks einer Praxis machen Verschreibungen, Verordnungen und Überweisungen aus. Im Alltag kommen beispielsweise viele Menschen mit unspezifischen Rückenschmerzen und wollen ein MRT, da ist die Argumentation entsprechend der Leitlinie und natürlich nicht, dass die Untersuchung auch eine ökologische Auswirkung hat. Das quittieren Patienten und Patientinnen zu Recht schlecht. Wir machen in erster Linie evidenzbasierte Medizin. Wenn es aber umweltfreundlichere Alternativen, wie am Beispiel Pulverinhalatoren gibt, kann ich diese wählen.
Wie sieht es denn mit umwelt- und klimaschädlichen Medikamenten aus?
Das Wissen um den Eintrag von Arzneimitteln ist leider unter den Kolleginnen und Kollegen kaum vorhanden. Diclofenac hat einen unheimlich großen Umwelteintrag, geht vom Menschen in die Natur und tötet Kleinstlebewesen und Fische. Mit Ibuprofen gibt es eine bessere Alternative. Man muss es nur wissen. Das Umweltbundesamt liefert dazu wichtige Informationen.
Wie positionieren sich die KlimaDocs politisch?
Die Politik unterstützt Klimaschutzmaßnahmen im Gesundheitssystem ja schlecht. Kliniken und Praxen schöpfen diesbezüglich aus ihren eigenen Budgets. Das Wirtschaftlichkeitsgebot ist im SGB verankert, sollte durchaus mit einem Nachhaltigkeitsgebot flankiert werden. Leider sehe ich eher Rückschritte als Fortschritte. Die KlimaDocs sind aber kein politischer Lobbyverein. Andere Akteure, zum Beispiel die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG e.V.), treten an die Politik heran und stellen klare Forderungen. In diesem Themenspektrum sehen wir uns nicht.
Woher nehmen Sie Ihr persönliches Engagement?
Ich glaube, es ist wichtig, Haltung zu zeigen, gerade wenn wie aktuell, demokratische und Gemeinwohlaspekte in den Hintergrund rücken. Die radikale Akzeptanz dessen, dass die Klimakrise unaufhaltsam auf uns zukommt, ist ein wichtiger Schritt. Den Kopf in den Sand zu stecken, ist jedenfalls keine hilfreiche oder resiliente Option. Also, Haltung bewahren, Stellung beziehen, sich weiter positionieren und sagen, es ist der richtige Weg.