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Architektur

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Innenarchitektin Sybille Ronshausen (rechts) und Bauherrin Marion Heidenreich (links) in den neu gestalteten Räumen von Heidenreichs Psychotherapiepraxis in Burgwedel.

Foto: Sven Ronshausen

Der Raum als Therapeut

Warum gut gestaltete Räume nachhaltig sind und wie sie nicht nur Patientinnen und Patienten, Ärztinnen und Ärzten sondern auch dem Praxispersonal helfen, weiß Innenarchitektin Sybille Ronshausen aus Burgwedel. Ein Gespräch über nachhaltige Um- und Neubauten von Praxisräumen.

Text: Lars Menz

Die ehemaligen Büroflächen der Bank waren grau-weiß, nüchtern, mit Rasterleuchten an der Decke, dennoch war die Belichtung extrem schlecht. Nichts, wo man sich gerne aufhält. „Ein gruseliger Raum“, erinnert sich Psychotherapeutin Marion Heidenreich. Das hieraus mal ihre neue Praxis werden sollte, konnte sie sich damals nicht vorstellen.

Innenarchitektin Sybille Ronshausen aus Burgwedel sah die Räume ganz anders, hatte schnell Ideen und eine Vision, was aus ihnen werden konnte. Sie schätzt ohnehin die Arbeit im Bestand – allein aus Nachhaltigkeitsaspekten, wie sie betont. „Die im Baubestand gebundene graue Energie wiederzuverwerten ist ökologisch gesehen viel sinnvoller, als neu zu bauen. Wir müssen viel mehr in Kreisläufen denken, den Lebenszyklus von Materialien stärker beachten.“ Planung sei dann nachhaltig, wenn sie keinem aktuellen Trend hinterherjage, sondern eine hochwertige, funktionale und langlebige Gestaltung schaffe. „Etwas, dass gut altert, ist nachhaltiger als etwas, das man sich nach zwei Jahren übergeschaut hat. Mir liegt bei der Planung meiner Projekte am Herzen, langfristig zu denken.

Analyse am Anfang

„Ich wollte meinen Patientinnen und Patienten eine entspannte, warme und sichere Atmosphäre bieten, aber auch genügend Platz für meine Gruppentherapien haben“, fasst Heidenreich ihre Ansprüche an ihre neue Praxis zusammen. Dass die Bauherren zu Anfang eines Projekts ihre Bedürfnisse formulieren, ist Teil der Leistungsphase Null, wie Ronshausen den Moment der Bestandsaufnahme nennt. Hier klärt sie, was für die Planung wichtig ist: Was geben die Räume her, was benötigen die Bauherren, beziehungsweise Arzt oder Ärztin und was erfordert der organisatorische Ablauf in der Praxis?

„Frau Ronshausen hat dann Konzepte vorgestellt, die wir besprochen haben“ erinnert sich Heidenreich. „Das war ein gemeinsamer kreativer Prozess, den ich sehr zu schätzen weiß. Ich war begeistert von den Ideen, da ich das vorhandene Potenzial zuvor meist gar nicht erkannt habe.

„Das war ein gemeinsamer kreativer Prozess, den ich sehr zu schätzen weiß.“

Psychotherapeutin Marion Heidenreich

Umbau mit Plan

Neben Grundrissorganisation und Orientierung waren Akustik und Belichtung wichtige Aspekte. Die Innenarchitektin veränderte die Raumstruktur, schloss einen Durchgang, entfernte eine Treppe und eine Zwischenwand und machte aus zwei Räumen einen. Ein großes Glaselement beließ sie bewusst zur besseren Belichtung und überzeugte davon auch ihre Bauherrin, obwohl Heidenreich es ursprünglich entfernt haben wollte. Mit einem individuellen Farbkonzept hellte Ronshausen die Räume auf – Weiß kam darin jedoch kaum vor, denn es hätte die Räume nicht heller, sondern kälter wirken lassen. Wände wurden mit Lehm verspachtelt und gestrichen, was ein angenehmes Raumklima schaffte und natürliche Farbtöne einbrachte. Böden wurden mit schalldämpfendem Kork belegt, als Gardinenstoffe kamen Leinen-Baumwollgemische zum Einsatz. Nach und nach entstand so aus den abweisenden Räumen einer Bank eine Psychotherapeutenpraxis mit Wohlfühl-Ambiente.

Ronshausen: „Heute kommen die Patienten in diese Praxis und fühlen sich wohl, haben einen guten Überblick mit Blickbeziehungen, sie sind Teil der Praxis und bekommen auch etwas vom Ablauf mit. Das sind genau die Lösungen mit menschlichem Maßstab, die wir als Architekten und Innenarchitekten erarbeiten müssen“, fasst sie zusammen.

Auch Heidenreich ist zufrieden. „Die Materialauswahl hat sich bewährt. Eine angenehme und warme Atmosphäre in Behandlungsräumen wirkt sich zum einen positiv auf die Qualität des Befindens und Erlebens sowohl der Patienten als auch der Behandler aus, zum Beispiel Entspannung, weniger Angst. Zum anderen kann dieses positive Erleben Patienten dabei unterstützen, sich leichter zu öffnen und auch eine aktive Mitarbeit kann positiv angeregt werden. Dies ist förderlich für den Behandlungsprozess und kann als komplementärer Behandlungs-Wirkfaktor gesehen werden. Dass das so ist, kann man auch in dem Beitrag‚ Atmosphäre heilt – Weiterentwicklung des Konzepts der klassischen Einzelpraxis‘ nachlesen (Zeitschrift Bewusstseinswissenschaften, 1/2013, Bantelmann, J., Kühn, Y., Wichmann, W.). Insofern erhalte ich sehr positive Rückmeldungen von meinen Patientinnen und Patienten und bin sehr froh, dies so umgesetzt zu haben.“

Ronshausen setzt in ihren Projekten grundsätzlich auf natürliche Materialien. Dass diese die Baukosten in die Höhe treiben, ist für sie ein Totschlagargument. „Auf den ersten Blick sind ökologische Materialien geringfügig teurer, mitunter auch die Verarbeitung, aber wir müssen den Lebenszyklus, das Gesamtprojekt und eben auch die Nachhaltigkeitsaspekte betrachten. Wir halten uns zwischen 80 und 90 Prozent unserer Zeit in Innenräumen auf. Also sollten natürliche Baustoffe eine wichtige Rolle spielen. An anderen Stellen tun sich immer auch Einsparpotenziale auf, beispielsweise durch strukturelle Optimierungen. Ein arbeitsgesundes Umfeld und organisierte Räume steigern zudem die Mitarbeiterzufriedenheit und Fehlzeiten können sinken.“

„Wir möchten aufzeigen, welches Potenzial innenarchitektonische Konzepte für den Praxisbetrieb bieten.“

Innenarchitektin Sybille Ronshausen

Beratungsbedarf auf Ärzteseite

Trotz der guten Zusammenarbeit mit Psychotherapeutin Heidenreich sieht Ronshausen großen Beratungsbedarf auf Seiten der Ärzteschaft. „Wir möchten aufzeigen, welches Potenzial innenarchitektonische Konzepte für den Praxisbetrieb bieten. Patientinnen und Patienten fühlen sich durch gut gestaltete Räume wohler, und auch die Resilienz der Praxisinhaber und Mitarbeitenden wird gestärkt. Patienten kommen oft mit einer gewissen Angst oder Unsicherheit und dahingehend sollte es der Raum schaffen, sie aufzufangen. Räume benötigen gute Proportion, um gut darin agieren zu können, es darf weder zu überdimensioniert noch zu kleinteilig wirken“, sagt Ronshausen. Außerdem wichtig: eine durchdachte Orientierung innerhalb der Praxis und eine vernünftige Belichtung. Die Akustik spiele eine große Rolle gerade auch für ältere Patientinnen und Patienten, ebenso wie für das Personal.

Das Know-how der Praxismitarbeiter sollte bei der Planung unbedingt einfließen, betont Ronshausen. „Die Mitarbeitenden sind erstklassige Ratgeber, wenn es um den Ablauf in einer Praxis geht. Es macht total Sinn, das ganze Team, zu Beginn des Projekts an einem Tisch zu versammeln und am Prozess teilhaben zu lassen. Das ist ein Benefit, der sich auszahlt.“

Sybille Ronshausen wünscht sich von ihren Bauherren vor allem Vertrauen. Architekten denken das ganze Projekt im Zusammenhang, koordinierten die Gewerke und hielten die Fäden in einer Hand. „Wenn niemand den gestalterischen Hut aufhat, bleibt alles Stückwerk“, ist sich Ronshausen sicher.

Gerade zu Beginn sollte der Anspruch ans Projekt offen hinterfragt werden. „Nur weil etwas in der alten Praxis üblich war, muss das nach einem Umbau nicht weiterhin so sein. Man sollte beispielsweise schauen, ob Räume auch anders belegt werden können, um eine Multifunktionalität zu erreichen, oder um Flächen einzusparen. Es geht schlussendlich ja immer auch um die Kosten.“ Für Umbauprojekte seien Innenarchitekten und Architekten auch daher die richtigen Partner für Ärztinnen und Ärzte, sagt Ronshausen.