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„Wenn alle am Tisch sitzen, kommt was Gutes dabei rum“

Wie kümmert sich die KVN eigentlich um die Sicherstellung der Versorgung im ländlichen Raum? Einer der es wissen muss ist Sören Rievers, Geschäftsführer der KVN-Bezirksstellen in Stade und Verden. Eine seiner Kernaufgaben ist die politische Kommunikation. Er sagt, in den letzten Jahren ist viel passiert.

Interview: Lars Menz

Sören Rievers ist seit 2022 Geschäftsführer der KVN-Bezirksstellen in Verden und Stade. Zuvor war er bei einer großen Krankenkasse angestellt, hat eine Ausbildung zum Sozialversicherungsfachangestellten gemacht und Betriebswirtschaft studiert. Er ist jede Woche in beiden Bezirksstellen vor Ort und viel in den Landkreisen unterwegs. Er lebt mit seiner Familie in Verden.

Foto: Martin Hutcheson

Sören, was braucht es deiner Meinung nach, um im ländlichen Raum für Ärztinnen und Ärzte und auch Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten ein attraktiver Standort zu sein?
Sören Rievers: Der ländliche Raum ist ja per se attraktiv, allein weil er sehr abwechslungsreich und vielfältig ist. Essentiell sind aber natürlich die Faktoren Wohnraum – der ist in der Regel im ländlichen Raum unproblematisch – und die Kinderbetreuung. Die ist mal mehr, mal weniger schwierig. Und es ist zwar schön, wenn ich einen Kinderbetreuungsplatz habe, nur wenn die Praxis auch nachmittags geöffnet hat und gleichzeitig die Kinderbetreuung mittags endet, muss ich trotzdem schauen, wie der Nachmittag abgedeckt werden kann. Hinzu kommt, dass auch der Partner oder die Partnerin – in der Regel ebenfalls Akademiker – sich im Umkreis verwirklichen möchte. Hier unterstützt dann auch schon mal die Wirtschaftsförderung der Kommune oder des Landkreises, denn wenn die Kommunen diese Bedürfnisse nicht befriedigen können, geraten sie schnell ins Hintertreffen.

Nehmen die Kommunen diese Herausforderungen ausreichend an?
Immer mehr tun es und errichten zum Beispiel Ärztehäuser, um eine gute Infrastruktur anbieten zu können. Dafür gehen sie mit Investoren ins Gespräch und kümmern sich eben um Themen wie Kinderbetreuung. Das trägt dann Früchte, weil die Ärzte sich wertgeschätzt fühlen und spüren, dass es die richtige Entscheidung war, in die ländliche Region zu gehen.

Welches Engagement bringen die jungen Ärztinnen und Ärzte mit?
Die wollen vor Ort gestalten! Oft sind sie an größeren Praxiskonstrukten interessiert, also Gemeinschaftspraxen, die auch Fachübergreifend tätig sind. Das ist gut, weil diese über die Region hinaus eine gewisse Strahlkraft entwickeln, einfach weil sie gute Rahmen- und Arbeitsbedingungen schaffen – sowohl für Ärztinnen und Ärzte als auch für das nicht-ärztliche Personal. Dieses Engagement zieht dementsprechend wiederum junge Ärzte und Ärztin in die Region.

Wie sieht die Situation bei den Psychotherapeuten auf dem Land aus?
Schwierig. Für die Patientinnen und Patienten gibt es meist sehr lange Wartezeiten, da die Praxen auf dem Land extrem frequentiert, teilweise überlaufen sind. Dementsprechend sind wir über jeden Therapeuten oder jede Therapeutin froh, die sich bei uns für eine Niederlassung oder Anstellung entscheidet. Der Fachkräftemangel ist hier mittlerweile durchaus spürbar. Als Bezirksstelle unterstützen wir die Therapeuten in gleichem Maße wie die Ärzte.

„Von A bis Z machen wir eigentlich alles, um unseren Mitgliedern in unserer Region Hilfestellung zu geben und sie zu unterstützen.“

Sören Rievers,
Geschäftsführer der KVN-Bezirksstellen in Stade und Verden

Wie sieht das Serviceangebot der Bezirksstellen für die Mitglieder vor Ort konkret aus?
Von A bis Z machen wir eigentlich alles, um unseren Mitgliedern in unserer Region Hilfestellung zu geben und sie zu unterstützen. Von A wie Arztregister-Eintragung bis Z wie Zulassung. Dazwischen steht das komplette Spektrum, wir stehen für alles als Ansprechpartner zur Verfügung und kümmern uns um die Probleme. Beispielsweise beraten wir zur Praxisabgabe, zu Kooperationen oder zu Honorarbescheiden. Mit dem Praxischeck „Honorar“ schauen wir, an welcher Honorar-Stellschraube gedreht werden könnte. Wir kümmern uns ums Vertragswesen, stehen bereit, wenn ein Wechsel der Geschäftsform von einer Einzelpraxis hin zu einer Gemeinschaftspraxis vorgenommen werden soll und beraten auch zur Gründung eines medizinischen Versorgungszentrums. Wir helfen bei der Suche nach nicht-medizinischen Personal oder Praxisräumlichkeiten und gehen hierfür auch in den Austausch mit der kommunalpolitischen Ebene.

Ist letzteres vor allem deine Aufgabe?
Das ist eindeutig eine meiner Kernaufgaben. Ich bin regelmäßig mit der kommunalpolitischen und landespolitischen Ebene im Austausch bis hin zu Gesundheitsminister Philippi. Ich spreche viel mit Bürgermeistern und lote aus, wie auch die unterstützen können. Letztendlich sorge ich für Transparenz, Akzeptanz und Verständnis und versuche darzulegen, wie die Rahmenbedingungen im Idealfall sein sollten, damit ein regionaler Standort an Attraktivität gewinnt, beziehungsweise attraktiv bleibt.

Wie offen steht man dir dabei gegenüber?
Sehr offen! Das ist tatsächlich in der Vergangenheit deutlich besser geworden. Je intensiver und konstruktiver der Austausch ist, desto eher gelingt es, die Versorgung aufrechtzuerhalten, beziehungsweise neue Ärztinnen oder Ärzte zu gewinnen. Wenn wir alle drei, Kommunalpolitik, KV und Ärzte an einem Tisch sitzen und jeder sein Know-how in die Waagschale wirft, kommt in der Regel was Gutes dabei rum. Davon partizipieren letztendlich alle.

Hast du ein konkretes Beispiel?
Im Heidekreis hat sich der hausärztliche Bereich so positiv entwickelt, dass wir in den letzten Jahren den Versorgungsgrad dort um 20 Prozent steigern konnten, sodass er jetzt aller Voraussicht nach gesperrt wird, da es keine Niederlassungsmöglichkeiten mehr gibt. Man muss aber sagen, dass so etwas natürlich nicht überall gelingt. In Sulingen hatten wir beispielsweise vor geraumer Zeit einen Austausch mit allen dort ansässigen Hausärztinnen und Hausärzten, weil mit Unterstützung des Ministeriums für Europa und regionale Landesentwicklung ein regionales Versorgungszentrum, quasi ein regionaler Leuchtturm geschaffen werden sollte. Leider war das aus verschiedenen Gründen nicht von Erfolg gekrönt. Das ist vor allem schade, weil der Bereich in und um Sulingen den niedrigsten hausärztlichen Versorgungsgrad in ganz Niedersachsen aufweist. Dennoch sind wir weiterhin mit allen Akteuren im Austausch, wie wir die Versorgung auch zukünftig sicherstellen können – und aufgrund der guten Zusammenarbeit und des konstruktiven Dialogs gelingt es uns trotzdem, die Patienten und Patientinnen vor Ort relativ gut zu versorgen.

Ihr seid in der Bezirksstelle nah dran an den Problemen vor Ort. Wie organisiert ihr das?
Einmal in der Woche mache ich eine bereichsübergreifende Dienstbesprechung mit Vertreterinnen und Vertretern aus jeder Abteilung. Hier besprechen wir, was in der vergangenen Woche passiert ist, worauf wir achten müssen, wo wir auch in die Außenkommunikation treten müssen, entweder mit der kommunal- oder landespolitischen Ebene oder direkt mit unseren Mitgliedern. Wenn irgendwo eine Versorgungslücke sichtbar wird, versuchen wir rechtzeitig Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Manchmal ist das aufgrund der Kurzfristigkeit schwierig, aber in der Regel gelingt uns das gut, gerade weil wir diesen bereichsübergreifenden Austausch pflegen und die Akteure im Blick haben.

„Die Praxen im ländlichen Raum sind grundsätzlich sehr innovativ und stehen der Digitalisierung offen gegenüber.“

Sören Rievers,
Geschäftsführer der KVN-Bezirksstellen in Stade und Verden

Inwieweit unterstützen euch die örtlichen Gremien, also die Ärztinnen und Ärzte, die sich ehrenamtlich in die Arbeit der Bezirksstelle einbringen?
Sie spielen eine wichtige Rolle, weil sie innerhalb der Ärzteschaft sehr gut vernetzt und damit auch ein Sprachrohr innerhalb der regionalen Ärzteschaft sind. Gleichzeitig sind sie Ansprechpartner für die Kolleginnen und Kollegen. Ich tausche mich daher regelmäßig vor allem mit den Vorsitzenden der Bezirksausschüsse aus. Und bei Bedarf spiele ich den Ball auch nach Hannover weiter. Auch vom KV-Vorstand und der Hauptgeschäftsstelle werden wir sehr gut unterstützt und stehen in einem stetigen Dialog.

Inwieweit hilft die Digitalisierung bei der Versorgung im ländlichen Raum. In deinem Bereich gibt es beispielsweise die so genannte Avatar-Praxis (https://www.kvn-magazin.de/251/der-think-tank/), die über Scheeßel hinaus Bekanntheit erlangt hat.
Die Praxen im ländlichen Raum sind grundsätzlich sehr innovativ und stehen der Digitalisierung offen gegenüber. Die Avatar-Praxis ist das bekannteste Beispiel dafür, was bei digitalen Versorgungskonzepten möglich ist. Neben der Avatar-Praxis gibt es aber viele andere Praxen in unserer Region, die ebenfalls voll digitalisiert sind und berichten, dass ein hoher Digitalisierungsgrad funktioniert und zur Entlastung in der Praxis beiträgt. Sowohl für den Arzt und das nicht-ärztliche Personal, als auch für die Patienten.

Neben der Digitalisierung geht der Trend hin zur Delegation. Auch bei euch?
Klares ja. Die beiden großen Stellschrauben, an denen man drehen kann, sind Digitalisierung und Delegation. Wir beraten diesbezüglich zu den Möglichkeiten, also zu Physician Assistents, Primary-Care-Managern, VERAH oder NäPa. Unterstützung gibt es hier auch aus dem E-Health-Bereich der Hauptgeschäftsstelle der KVN. Da sind wir insgesamt als KV sehr gut aufgestellt und stoßen immer mehr auf offene Ohren bei den Ärzten und auch Therapeuten.

Was würdest du sagen, hat sich in deiner Region in den letzten Jahren am stärksten verändert?
Dass jetzt ein grundlegendes Verständnis für alle Parteien vorhanden ist. Früher hat jeder eher sein eigenes Süppchen gekocht, jetzt bündeln wir die Kräfte und ziehen gemeinsam an einem Strang. Dementsprechend stellen wir was Gutes auf die Beine und schaffen attraktive Rahmenbedingungen, um die Versorgung vor Ort sicherzustellen. Das hat sich sehr positiv entwickelt, muss ich sagen, in manchen Regionen sogar gegen den Trend. Es ist schön, wenn man auf die Versorgung vor Ort Einfluss nehmen kann und ich wünsche mir, dass das noch besser funktioniert, noch mehr ausgebaut wird. Wenn man miteinander in den Austausch geht, findet man in der Regel immer eine gute Lösung und einen Konsens – und das ist doch für alle Beteiligten sinnvoll.

Was sind denn deine Top drei Argumente für junge Ärztinnen und Ärzte sich in deiner Region niederzulassen
Die Region ist einfach sehr schön. Die räumliche Nähe zur Küste und zu den Großstädten ist attraktiv. Und – das ist ein wesentlicher Faktor – das insgesamt gute Miteinander vor Ort ist hervorragend. Bei uns ist es nicht so anonym wie in der Großstadt, man steht mit vielen ärztlichen und therapeutischen Kollegen und Kolleginnen im Austausch und hilft sich untereinander. Ich kann das nur empfehlen.

Im Überblick – die KVN-Bezirksstellen Stade und Verden

Sören Rievers ist Geschäftsführer der KVN-Bezirksstellen in Stade und Verden. An beiden Standorten zusammen arbeiten rund 45 Mitarbeitende, die 2.300 Ärztinnen und Ärzte sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in insgesamt rund 1.015 Arztpraxen und 330 psychotherapeutischen Praxen betreuen. Die Praxen verteilen sich auf ein Gebiet von acht Landkreisen – angefangen an der Nordseeküste in Cuxhaven bis runter zu den Landkreisen Nienburg und Diepholz. Zusammengefasst handelt es sich flächenmäßig um die beiden größten Bezirksstellen. Eine Medizinfakultät oder eine Großstadt sucht man hier aber leider vergebens.

Alle KVN-Bezirksstellen finden Sie hier: www.kvn.de/über+uns/Bezirksstellen.html