Gut gelandet in der großen Gartenstraße
Dr. Winnie Keller und ihr Mann Johannes haben sich als Allgemeinmediziner in einer gemeinsamen Praxis niedergelassen. Für sie die perfekte Lösung, um aus anstrengenden Krankenhausdiensten herauszukommen und ihrer Familie die Zeit zu geben, die sie benötigt – positive Rückmeldungen der Patienten inklusive.
Mediziner Johannes Keller begeisterte sich für Anästhesie, machte den Facharzt, war bereit, die Karriereleiter hinaufzusteigen. Dann aber zeigte sich immer mehr, die Belastung in der Klinik mit den Bedürfnissen der Familie zu vereinbaren, funktionierte nicht. Seiner Frau Winnie ging es ähnlich. Sie arbeitete in der Gefäßchirurgie, später in der Anästhesie-Intensivmedizin. Auch sie mit vollem Einsatz in der Klinik. Eine andere Lösung musste her, die für die Familie mit drei Kindern langfristig funktionierte. Johannes entschied sich für eine Weiterbildung zum Allgemeinmediziner und merkte schnell: „Allgemeinmedizin ist bedeutend interessanter und macht mehr Spaß, als ich mir das immer vorgestellt habe.“ Also wollte er dort weitermachen. Und auch Winnie spürte wie vielschichtig die Aufgabe ist: „Ich habe ganz bewusst den Schritt in die Weiterbildung Allgemeinmedizin gemacht, um mehr Kontakt zu den Patientinnen und Patienten zu haben und wieder in die sprechende Medizin zu kommen. Ich hatte dann tatsächlich ein Aha-Erlebnis. Allgemeinmedizin ist so spannend, macht so viel Spaß. Und die längerfristige Bindung zu den Patienten ist einfach schön.“
„Die KV Bezirksstelle Verden war ein guter Partner.“
Dr. Winnie Keller
Winnie Keller (41) hat in Leipzig Medizin studiert, Johannes Keller (47) in Bochum. Kennengelernt haben beide sich im Krankenhaus in Rotenburg (Wümme). Winnie und auch Johannes sind Fachärzte für Allgemeinmedizin, Anästhesie und Intensivmedizin. Am 1. Oktober 2025 haben beide eine Einzelpraxis in einer Praxisgemeinschaft in Rotenburg übernommen und sich niedergelassen.
Im Zuge der Weiterbildung kam Johannes in Kontakt zu einem Hausarzt in Rotenburg, der in einer Praxisgemeinschaft tätig war. Gemeinsam überlegten sie, ob Johannes nicht seinen Sitz übernehmen könnte. Die Idee begann zu wachsen und die KVN beantwortete alle Fragen zur Niederlassung. „Du weißt am Anfang ja nicht, was für Räumlichkeiten du brauchst, welche EDV-Strukturen erforderlich sind, du hast einfach von nichts eine Ahnung“, erinnert sich Johannes.
„Die Bezirksstelle in Verden war immer ansprechbar, freundlich, hilfsbereit“, sagt Winnie. „Einfach ein guter Partner.“ Und sie konnte auch Winnie einen Sitz anbieten. Also fassten sich die Kellers ein Herz und ließen sich in Rotenburg nieder. Die Praxisgemeinschaft „Große Gartenstraße“ besteht aus zwei Gemeinschaftspraxen und einer Einzelpraxis. Gemeinsam teilen sich die Ärztinnen und Ärzte die Räumlichkeiten und Ressourcen sowie zehn MFA, darunter eine VERAH und eine Auszubildende.
„Wir trafen auf ein sehr wertschätzendes, kollegiales und engagiertes Team mit einer ganz flachen Hierarchie“, sagt Winnie. „Wir sagen alle du untereinander und damit fühle ich mich sehr wohl, weil es das Wir-Gefühl stärkt.“
„Das hat uns den Einstieg wirklich sehr erleichtert“, ergänzt Johannes. „Auch die ärztlichen Kolleginnen und Kollegen standen immer mit Rat und Tat, fachlich und organisatorisch, zur Seite.“
„Nicht die Familie passt sich an die Gegebenheiten an, sondern wir passen die Gegebenheiten an die Familie an.“
Johannes Keller
Sind die beiden eigentlich bewusst in den ländlichen Raum gegangen, obwohl doch Bremen und auch Hamburg nahegelegen hätten? Sie seien beide keine Stadtmenschen, meint Winnie. Ein halber Tag in Bremen reicht, zu viele Leute, zu viel Input. Ihr Zentrum ist die Familie. „Nicht die Familie passt sich an die Gegebenheiten an, sondern wir passen die Gegebenheiten an die Familie an“, sagt Johannes, auch wenn beide zugeben, dass es mit drei Kindern und der Praxis natürlich täglich organisatorische Herausforderungen gibt. Wochenend-Arbeit oder die ein oder andere Stunde nach Feierabend sind unvermeidlich. Dennoch: „Bürokratie hätte ich mehr erwartet“, sagt Johannes. „Wenn man sich angewöhnt, einfach alles zügig zu bearbeiten und nicht in Stapeln liegen zu lassen und anzuhäufen, dann ist es eigentlich aus meiner Sicht völlig in Ordnung.“ Nur digitaler müsse es noch werden, Anträge im Zuge der Niederlassung ausdrucken und per Hand ausfüllen zu müssen, sollte der Vergangenheit angehören.
Nun muss vor allem das Geld stimmen, Kredite für Haus und Praxis müssen bedient werden. „Ich war in Sachen Finanzen die ängstlichere und habe mich gefragt, kommt genug Geld rein, damit wir Räumlichkeiten, Mitarbeitende und das private Leben finanzieren können,“ sagt Winnie. „Und ich hatte auch die Sorge, ob ich den Job über viele Jahre schaffe. Es kann ja auch mal einer von uns ausfallen und dann wird es finanziell schnell knapp. Da muss man dann gucken, wie man mit den Krediten und allem zurechtkommt.“
Wie sich die wirtschaftliche Lage ab dem kommenden Jahr mit dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz verändern wird, können die Kellers noch nicht genau abschätzen, mit 3.000 bis 4.000 Euro Einbußen rechnen sie jedoch. „Ein echter Schaden. Die Einnahmen werden reduziert, während die Kosten steigen“, sagt Johannes. „Ich bin eigentlich kein Freund von IGeL-Leistungen, aber im Zweifelsfall muss man das dann doch tun.“
„Unser Mut, in die Niederlassung zu gehen, hat sich ausgezahlt.“
Dr. Winnie Keller
Würden sie vor diesem Hintergrund die Entscheidung für die Niederlassung heute eventuell anders treffen? „Nein, ich nicht“, betont Johannes. Und auch Winnie glaubt das nicht. „Unser Mut, in die Niederlassung zu gehen, hat sich ausgezahlt“, betont die Ärztin.
Johannes: „Die Niederlassung bietet die Möglichkeit, sich alles so einzurichten, wie man es möchte. Ich kann die Patienten so behandeln, wie ich es mir medizinisch vorstelle, bestimme den Rahmen, und wenn ich mein Praxiszimmer grün streichen will, dann mache ich das eben. Ich muss nicht mehr tun, was Chefs vorgeben, ich bin mein eigener Chef. Das ist sehr befreiend und sehr belohnend.“
Dr. Winnie Keller engagiert sich auch berufspolitisch, sie ist Vorstandsmitglied der Bezirksstelle Verden der Ärztekammer Niedersachsen und in Verden auch aktiv im Hausärztinnen und Hausärzteverband Niedersachsen. Außerdem ist die KV-Kreisstellensprecherin in Rotenburg.
Johannes Keller ist nicht nur Facharzt für Allgemeinmedizin, sondern führt auch die Zusatzbezeichnung Notfallmedizin und hat die KV Zulassung Polygrafie.
Was raten die beiden also denen, die es ihnen gleichtun und in die Niederlassung gehen wollen? Eine Einzelpraxis hochziehen, oder zu übernehmen, könne er nicht empfehlen, sagt der Arzt. „Es gibt so viele organisatorische Dinge, von denen man vorher überhaupt keine Ahnung hat, da läuft man einfach gegen die Wand. In ein bestehendes Team mit Kollegen zu gehen, die einem helfen, in welcher Praxisform auch immer, fällt viel leichter. Bei uns lief genau das total rund und hat uns den Einstieg einfach gemacht. Wir sind vom Krankenhaus kommend, gut gelandet.“ Johannes schaut zu seiner Frau und Winnie ergänzt: „Ich war immer eine Freundin davon, sich Hilfe zu holen, zum Beispiel bei der KV, in Seminaren oder bei Kolleginnen und Kollegen. Für uns war die Niederlassung ein Glücksfall. Und wenn ein Patient zu mir sagt, Sie haben mir geholfen, dann weiß ich, dass ich hier richtig bin.“