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„Nochmal niederlassen? Auf jeden Fall!“

Warum Pneumologe Henning Geldmacher aus Hannover seinen Job noch immer liebt, warum er sich immer wieder niederlassen würde und was er dennoch für die Zukunft befürchtet erzählt er im Interview

Text: Lars Menz — Fotos: Praxis Geldmacher

Guter Draht: „Die KVN arbeitet mit einem offenen Ohr für uns Niedergelassene und streitet für unsere Interessen“, sagt Dr. Henning Geldmacher, Pneumologe aus Hannover.

Dr. Henning Geldmacher, (55) hat in den 1990er-Jahren in Kiel Medizin studiert und ist Facharzt für Innere Medizin. Nach Tätigkeiten im Krankenhaus Großhansdorf, an der Medizinischen Hochschule Hannover sowie im St. Bernward-Krankenhaus in Hildesheim ist er seit 2012 niedergelassen in einer pneumologischen Gemeinschaftspraxis in Hannover. Seit 2017 ist er Vorsitzender des Berufsverbands der Pneumologen Niedersachsen/Bremen e.V.

Herr Dr. Geldmacher, Sie sind seit 2012 als Pneumologe niedergelassen. Würden Sie die Entscheidung heute wieder so treffen?
Dr. Henning Geldmacher:
Auf jeden Fall. In der ambulanten Versorgung zu arbeiten und mich niederzulassen war eigentlich schon immer mein Traum. Als 2012 das Angebot meiner jetzigen Kollegen kam, mich in die bestehende Gemeinschaftspraxis zu integrieren, habe ich sehr dankbar zugesagt.

Wussten Sie, was auf Sie zukommen würde?
Ich konnte vorher schon in die Praxis reinschnuppern, sodass ich ungefähr wusste, was auf mich zu kam. Dennoch war es am Anfang nicht unbedingt leicht, ich musste mich auf die Praxis fokussieren, meine Frau war ebenfalls berufstätig und unser Sohn noch klein. Auch finanziell mussten wir uns durchaus strecken, um die Niederlassung anzugehen. Die Kollegen konnten mir aber durch ihre Erfahrungen zeigen, wie es funktioniert, sodass ich von deren Wissen oder Abläufen profitierte. Besser geht es gar nicht.

Was schätzten Sie damals an der Niederlassung gegenüber der Arbeit im Krankenhaus?
Die Arbeit in der Praxis ist sehr effektiv strukturiert und schnell, mit vielen Patientinnen und Patienten. Ich schätze sehr, dass ich bis zu einem gewissen Grad in meinem Bereich mein eigener Herr bin.

Nun verändern sich die Rahmenbedingungen jedoch. Das Beitragssatzstabilisierungsgesetz wird voraussichtlich ab 2027 deutlich in die Strukturen der ambulanten Versorgung eingreifen. Wie blicken Sie darauf?
Als Praxis war unsere erste Reaktion, dass wir knapp 10 Prozent weniger Termine fürs erste Quartal 2027 bereitstellen werden. Wir wollen nicht in eine Situation kommen, Patienten zu behandeln, die wir nicht bezahlt bekommen.

Wie viele Patientinnen und Patienten wären davon betroffen?
Meine drei Kollegen und ich behandeln im Schnitt pro Quartal etwa 1.400 Patientinnen und Patienten, betroffen wären also jeweils 140. Das Ende vom Lied: Die Wartezeiten verlängern sich.

Leiden Sie auch unter der Streichung der TSVG-Vergütungen?
Sehr sogar. Wir haben personell stark aufgerüstet, um den TSVG-Bereich abzudecken und mich ärgert es, dass die Regelung einfach wahllos gestrichen werden soll. Wir sind eine Fachdisziplin, die vom TSVG profitiert, weil wir viele Akutpatienten haben. Ich weiß aktuell noch nicht, wie wir diese Patienten zukünftig unterkriegen sollen. Die Notfälle werden ja kommen. Also habe ich die nicht ganz unberechtigte Sorge, dass Notfälle in die Notaufnahme der Krankenhäuser gehen. Und wir wissen ja, das sind die teuersten Patienten.

„Die Politik hat versprochen, die Ambulantisierung zu fördern, jetzt wird der ambulante Sektor klein gespart. Das passt nicht zusammen.“

Dr. Henning Geldmacher

Wie wirken sich die Mindereinnahmen wirtschaftlich auf Ihre Praxis aus?
Nun, uns stehen belastende Unwägbarkeiten bevor. Wir müssen abwarten, wie der Honorarverteilungsmaßstab gestrickt wird und was das für den Fallwert für unsere Fachgruppe bedeutet. Eine große Sorge ist, ob wir unser 25-köpfiges Team in dieser Größenordnung werden halten können. Und durch das Spargesetz gibt es jetzt auch keinen Platz für Investitionen oder andere Veränderungen. Vermutlich werden wir wahrscheinlich also erstmal eher schrumpfen. Was ich noch sagen möchte: Schon 2023 habe ich den Wegfall der Neupatientenregelung sehr kritisch gesehen, auch wenn wir das noch ganz gut abfangen konnten. Wenn der damalige Bundesgesundheitsminister Lauterbach meinte, die Neupatientenregelung habe nichts gebracht, dann klingt das für mich bis heute eigentlich wie blanker Hohn. Ich weiß nicht, auf welche Daten der Minister Bezug nahm, aber wenn es damals hieß, die Patienten hätten generell keine schnellen Termine bekommen, dann kann das einfach nicht stimmen, weil die Praxis etwas anderes sagte. Durch keine Maßnahme wurde der Gap zwischen privat und gesetzlich Versicherten bei der Terminvergabe so effektiv geschlossen wie durch die Einführung der Neupatientenregelung. Wenn jetzt bei der Abschaffung des TSVG genauso argumentiert und gesagt wird, dass es keine Verbesserung der Versorgung bringe, kann ich das aus der Praxis einfach nicht bestätigen. Die Politik hat versprochen, die Ambulantisierung zu fördern, jetzt wird der ambulante Sektor klein gespart Das passt nicht zusammen.

Was würden Sie sich denn von der Politik wünschen?
Grundsätzlich wünsche ich mir eine leistungsgerechte Vergütung. Ich glaube, das ist der Traum von jedem Niedergelassenen. Was mich an diesem Streichungsgesetz besonders stört ist, dass, viel zu wenig Expertise aus dem niedergelassenen Bereich eingeflossen ist. Wir Ärztinnen und Ärzte sind doch die Leistungserbringer, wir halten das System am Leben.

Strukturreformen sollen Ende des Jahres folgen. Vorschläge?
Das A und O im ambulanten Sektor ist die Patientensteuerung. Ich möchte, dass der richtige Patient zu mir kommt. Ob wir das jetzt durch das Primärarztsystem hinkriegen, weiß ich nicht genau. Viele meiner Asthma-Patienten beispielsweise haben gar keinen Hausarzt und werden so schnell auch keinen bekommen, weil Praxen Annahmestopps haben. Apropos Steuerung: Ich finde es immer noch erstaunlich, dass damals die Zehn-Euro-Praxisgebühr abgeschafft wurde. Ich sage nicht, dass die Gebühr das Nonplusultra war, ein Steuerungsmechanismus aber war sie und den hat man aus der Hand gegeben.

Die Praxisgebühr war auch bürokratisch. Wo würden Sie sich Bürokratieabbau wünschen?
Zweifelsohne, die Praxisgebühr war ein großer, bürokratischer Aufwand. Aber mit modernen, digitalen Methoden könnte man so etwas heute smarter regeln. Was ich ansonsten am häufigsten auf dem Tisch habe, sind Anfragen der Rentenversicherung, des Sozialgerichts oder auch des Niedersächsischen Versorgungsamts die größten bürokratischen Hürden entstehen, wenn ich handschriftlich und am besten in Druckbuchstaben fürs Amt einen umfassenden Bericht erstellen soll.

„Es ist nach wie vor eine extrem schöne Tätigkeit, mit der man vielen Leuten helfen kann.“

Dr. Henning Geldmacher

Birgt die KI hier Potenzial, um Sie zu entlasten?
KI hat super viel Potenzial, beispielsweise bei Selektion, Symptomverbesserung, beim Sortieren und vielleicht auch später mal in der Kontrolle von Patienten. Wir müssen KI zu unserem Vorteil und als Ergänzung nutzen. Inwieweit KI am Ende wirklich zu einer Effizienzsteigerung führt, kann ich aber noch nicht absehen.

Nutzen Sie KI denn bereits?
Digitale Ideen zur Betreuung unsere Patienten haben wir einige, damit die Patienten nicht unnötig in die Praxis kommen müssten, aber wie sollen wir das umsetzen, wenn wir es nicht bezahlt bekommen Grundsätzlich würde ich für diese Art der Betreuung eine Betreuungspauschale haben wollen. Denn dafür bräuchte ich eine Mitarbeiterin, die die Daten auswertet und mir präsentiert. Auch das muss vergütet werden. In Sachen Digitalisierung haben wir mit KIM jetzt immerhin ein bisschen Bewegung drin und sind da auch schon digitaler geworden, gleichzeitig stehen wir immer noch am Anfang. Der Datenschutz behindert die Sache wirklich.

Ist der digitale Wandel für den Nachwuchs ein Argument für die Niederlassung?
Ich habe ab und zu Studierende, die bei mir rund zwei Wochen reinschnuppern, und die sind von der Art zu arbeiten, bereits jetzt schon ganz begeistert. Viele sehen klar den Vorteil einer Selbstständigkeit. Aber sie sehen auch, dass man anpacken muss, und dass es einen Unterschied macht, ob man freischaffend oder im Angestelltenverhältnis arbeitet. Das unternehmerische Risiko wagen, wollen immer weniger junge Ärztinnen und Ärzte. Und das ist übrigens auch für mich persönlich eine Herausforderung, ist doch die spätere finanzielle Weitergabe meiner Praxis Teil meiner Altersvorsorge. Aber offen gesagt, derzeit ist so viel Bewegung in der Medizin, in den Strukturen, dass ich nicht absehen kann, wie es in 15 Jahren sein wird.

So lange wollen Sie also noch machen?
Ich werde jetzt 56. Vielleicht muss ich auch noch länger als 15 Jahre. Ich weiß es nicht genau. Ich würde nur früher aufhören, wenn das alles gar keinen Spaß mehr macht. Aber es macht mir weiterhin Spaß.

Welche drei Tipps geben Sie jungen Ärztinnen und Ärzten mit auf dem Weg in die Niederlassung?
Erstens: Wählt einen guten Standort. Zweitens: Macht es nicht allein, sondern mit anderen Kollegen zusammen. Zusammenarbeit ist super und in puncto Räumlichkeiten, Personal und Ausstattung der Praxis ist man in der Gruppe wesentlich besser aufgestellt. Drittens: Kein Rat, eher eine schöne Aussicht: Ihr könnt in der Niederlassung sehr, sehr viel bewegen. Es ist nach wie vor eine extrem schöne Tätigkeit, mit der man vielen Leuten helfen kann. Es macht Spaß und es lohnt sich.