Schwerpunkt

Alternative Versorgungsangebote

Statt zum Arzt zur Apotheke oder gar zur Drogerie

Apotheken sollen impfen und unter bestimmten Voraussetzungen auch verschreibungspflichtige Arzneien ohne neues Rezept ausgeben dürfen. Und in manchen Drogeriemärkten werden seit letztem Jahr Gesundheitsdienstleistungen wie Augenscreenings angeboten. Doch was ist von solchen Versorgungsangeboten zu halten?

Text: Lars Menz

Am 22. Mai 2026 beschloss der Bundestag das Gesetz zur Weiterentwicklung der Apothekenversorgung (ApoVWG). Ziel ist die Stärkung des flächendeckenden Netzes von Vor-Ort-Apotheken und eine sichere Arzneimittel- und Gesundheitsversorgung der Bevölkerung, insbesondere auch im ländlichen Raum. Der Hintergrund ist klar, seit 2013 musste jede fünfte Apotheke schließen. Apotheken sollen daher wirtschaftlich gestärkt und von Bürokratie befreit werden und in diesem Rahmen auch neue Aufgaben in der Prävention und Diagnostik erhalten.

Das Gesetz sieht vor, dass Apotheken unter bestimmten Umständen verschreibungspflichte Arzneien ohne neues Rezept abgeben dürfen – etwa bei bekannten chronisch kranken Menschen oder bei akuten Erkrankungen. Außerdem sollen Apotheken künftig alle anerkannten Schutzimpfungen mit Totimpfstoffen bei Erwachsenen durchführen dürfen. Das Angebot soll die Impfquoten verbessern. Und schließlich sollen in Apotheken auch Früherkennungsberatungen und Tests ermöglicht werden, etwa bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes mellitus. Für ein entsprechendes Werbeverbot sollen für Apotheker Ausnahmen gelten, für Ärztinnen und Ärzte dagegen nicht.

„Um die Gesundheitsversorgung in Zukunft sicherstellen zu können, müssen die Aufgaben auf mehr Schultern verteilt werden. Apotheken spielen dabei eine zentrale Rolle, deshalb binden wir sie breiter in die Versorgung ein – durch mehr Impfungen, Tests und Präventionsangebote.“

Nina Warken,
ehemalige Bundesgesundheitsministerin

Die Rolle der Apotheken bei der Gesundheitsversorgung der Bürgerinnen und Bürger werde gestärkt. Das sei richtig und wichtig für die Menschen in Deutschland, betont Thomas Preis, Präsident der, Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA). Preis weiter: „Blutentnahmen, Impfungen und weitere pharmazeutische Dienstleistungen in den Apotheken helfen den Patientinnen und Patienten unmittelbar und tragen zur Entlastung des Gesundheitssystems bei.“

„Schlimmer geht's immer“, lautet die Antwort des Vorstands der Kassenärztlichen Vereinigung, denn Ärzteverbände, KVen und KBV hatten davor gewarnt, Apothekern originär ärztliche Aufgaben zu übertragen, obwohl sie dafür nicht qualifiziert seien. „Deprofessionalisierung, eine ungesteuerte Leistungsausweitung, zusätzliche Kosten, eine zunehmende Verunsicherung der Patienten und damit verbunden ein zusätzlicher Beratungs- und Abklärungsbedarf in den Praxen sind die heftigen Folgewirkungen dieses Gesetzes. Doch an dieser Stelle muss klar gesagt werden: Wenn Politik will, dass sich Patienten in Apotheken auf das Abenteuer einer Blutentnahme einlassen oder sich anlasslos testen lassen sollen, dann muss als Konsequenz auch gelten: Bei Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Apotheker oder Ihre Apothekerin,“ bemängelte der KBV-Vorstand. Dies sei das genaue Gegenteil von evidenzbasierter Medizin, wirtschaftlichem Handeln und der Vermeidung von Doppelstrukturen.

„Der Vorschlag, verschreibungspflichtige Arzneimittel ohne Rezept von Ärztinnen und Ärzten durch Apotheken abgeben zu lassen, stellt gleich in mehrfacher Hinsicht einen gefährlichen Irrweg dar“, warnte zuvor auch bereits der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen, Mark Barjenbruch. Es sei geradezu fahrlässig, wenn das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) vorhabe, dass Apotheken Medikamente eigenständig verschreiben und auch gleich an Patienten abgeben könnten. „Einen Arzt würden diese Patienten erst gar nicht zu Gesicht bekommen. Das kann Patientinnen und Patienten gefährden. Rezeptpflichtige Medikamente sind keine over-the-counter Produkte“, so Barjenbruch.

Dennoch: Das Gesetz wurde vom Bundestag verschiedet und geht nach der Sommerpause in den Bundesrat. Sollten sich dort keine gravierenden Änderungen mehr ergeben, tun sich für die Apothekerinnen und Apotheker neue Möglichkeiten auf. Möglichkeiten, die anderswo bereits genutzt werden. Hier geht es zwar nicht um Impfungen oder ähnliches, aber durchaus um Gesundheitsdienstleistungen, die bislang strikt in der ambulanten ärztlichen Versorgung zu Hause waren. Gemeint sind Angebote in Drogeriemärkten. Hier geht vor allem die Kette dm voran.

Foto: Lars Menz

Ausgewählte Gesundheitsdienstleistungen für Dich

„Ausgewählte Gesundheitsdienstleistungen für Dich“ so wirbt dm auf seiner Website für Augenscreening, KI-gestützte Hautanalyse sowie Blutanalysen. Vorsorge sei wichtig, lange Wege und Wartezeiten machten es aber im Alltag oft schwer zum Arzt zu kommen, unterstellt der Werbetext. Das will dm ändern und „leicht, schnell und unkompliziert“ Antworten auf Gesundheitsfragen geben online oder direkt vor Ort im Markt. Dazu hat dm sich Partner an die Seite geholt: „Skleo Health“, „Dermanostic“ und „Aware“. Skleo verspricht einen Augengesundheits-Check „mit hoher Präzision“ – und KI. Das Augenscreening führen speziell von Skleo-Health geschulte dm-Mitarbeitende durch. Den Test gibt es ab 15 Euro. Die Firma bietet den Service gegenwärtig in acht dm-Filialen und bei 151 Optikern an, Apotheken sollen folgen.

„dermanostic“ verspricht ärztlich begleitete und digital durchgeführte dermatologische Behandlungen und innerhalb von sechs Stunden eine Diagnose. Diese, so dm, werde ausschließlich durch in Deutschland approbierte Fachärzte für Dermatologie erstellt. Alternativ kann eine KI-gestützte Hautanalyse an einer Hautanalyse-Station im dm-Markt oder online von zuhause durchgeführt werden. Kostenlos.

Und Aware bietet derzeit in 43 „Labs“ „von Experten kuratierte Bluttests“ an. Über 100 Biomarker können ausgewertet werden. Paketangebote bieten den Nutzerinnen und Nutzern Infos aus ihrem Blut zu Holistic-Health also zur ganzheitlichen Gesundheit, Ernährung, Hormonen, Sport und Körpergewicht. Los geht’s bei 79 Euro, der Holistic-Health-Test kostet dann schon 149 Euro. Auch ein Abo-Modell mit regenmäßigen Testungen ist möglich. Die venöse Blutabnahme wird ausschließlich von medizinischem Fachpersonal von Aware durchgeführt.

„Augengesundheit gehört in fachärztliche Hand.“

Daniel Pleger,
1. Vorsitzender des Berufsverbands der Augenärztinnen und Augenärzte Deutschlands e.V. (BVA)

Die Kritik aus den Fachverbänden an diesen Angeboten ist groß. Der 1. Vorsitzende des Berufsverbands der Augenärztinnen und Augenärzte Deutschlands e.V. (BVA), Daniel Pleger sagt: „Der Einsatz von KI ist nicht standardisiert; es gibt keine einheitlichen Vorgaben, die einen fachärztlichen Standard garantieren. Wie genau die Auswertung verläuft, auf welche Metadaten die KI zurückgreift und in welcher Weise diese die Auswertung prägen, ist so nicht zu beurteilen. Fakt ist: KI-Unterstützung kann hilfreich sein, ist jedoch kein Garant für korrekte Ergebnisse und kein validierter Standard in der Medizin und bei Screenings“.

Ihre Marketingversprechen, das Gesundheitssystem zu entlasten, könnten die Angebote vermutlich kaum einhalten, so der BVA. „Kundinnen und Kunden mit fehlerhaft auffälligen Befunden könnten verunsichert sein und dadurch zusätzliche Termine in den Augenarztpraxen in Anspruch nehmen, die für andere Patienten wichtiger sein könnten“, warnt Pleger. „Wir befürchten hier das Entstehen einer teuren Doppelstruktur, die den Betroffenen sogar schaden könnte.“

„Anreiz für unkontrollierte Hautuntersuchungen außerhalb des GKV-Systems.“

Dr. Ralph von Kiedrowski,
Präsident des Berufsverbands der Deutschen Dermatologen e.V.

Auch Dr. Ralph von Kiedrowski, Präsident des Berufsverbands der Deutschen Dermatologen e.V. sieht die neuen Angebote kritisch: „Schon die vermeintlich KI-generierte Hautanalyse sollte mit großer Vorsicht betrachtet werden.“ Auf ein von ihm selbst eingereichtes Foto erhielt er eine falsche Diagnose und umfangreiche dm-Produktempfehlung für über 30 Euro. So eine Werbe-Verkaufsmasche habe mit Dermatologie nichts zu tun. „Das niedrigschwellige Angebot der Drogeriekette dm schafft Anreize für unkontrollierte Hautuntersuchungen außerhalb des GKV-Systems, das bei ernsten Hauterkrankungen dann aber für die Versorgung – unter budgetierten Bedingungen bereitstehen soll, aber nicht kann.“ Dies führe schlimmstenfalls zu einer weiteren Verknappung der Zeitressourcen in den Praxen und verschärfe die Wartezeitenproblematik, so von Kiedrowski. Der Verband weist darauf hin, dass es auch bereits gerichtliche Untersuchungen gegen dermanostic gegeben habe. Beispielsweise dürfe die Firma nicht mehr behaupten, mit mehr als 300 niedergelassenen Hautärzten in Deutschland zusammenzuarbeiten.

Sven Dreyer, Präsident der Ärztekammer Nordrhein, sieht solche Angebote im Gespräch mit dem WDR ebenfalls problematisch. Patientinnen und Patienten könnten sich in falscher Sicherheit wiegen, oder auch in falscher Unsicherheit. Geschultes Personal könne qualitativ einfach nicht leisten, was sich Ärzte und Ärztinnen mühsam im jahrelangen Studium angeeignet haben. „Noch nicht mal das, was ausgebildete Augenoptiker leisten können“, so Dreyer.

Und auch in der Politik gibt es Zweifel: „Ein Bluttest oder ein Augenscreening darf kein Selbstzweck sein, sondern muss in eine qualifizierte medizinische Beratung und Behandlung eingebettet sein“, sagte Christos Pantazis, gesundheitspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion und selbst Mediziner dem „Tagesspiegel“.

Die Mehrheit der Verbraucher kann sich trotz aller Kritik dennoch vorstellen, Gesundheitsdienstleistungen im Einzelhandel wahrzunehmen, macht das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage der Prüfungs- und Beratungsfirma Deloitte von Februar 2026 deutlich. (Hier finden Sie die Deloitte-Umfrage „Gesundheitsversorgung im Einzelhandel“.) Bereits 41  Prozent der tausend Studien-Teilnehmenden hatten von entsprechenden Pilotprojekten gehört ein Hinweis darauf, dass das Konzept auf Interesse stößt. 60 Prozent fanden das Angebot ausgewählter Gesundheitsservices außerhalb von Arztpraxen und Apotheken grundsätzlich attraktiv, vor allem weil es den Alltag spürbar erleichtere und Vorsorgeangebote einfacher zugänglich mache. Auffällig war die klare Präferenz für Drogerien: Sie wurden am häufigsten als geeigneter Ort für entsprechende Gesundheitsservices genannt.

Skeptische Rückmeldungen gab es aber auch: Qualitätsfragen, Hygiene und Vertrauenswürdigkeit sind demnach die zentralen Hürden für diejenigen der Befragten, die Gesundheitsservices im Einzelhandel ablehnten. Am Ende formuliert die Studie dann Tipps für die Anbieter wie diese ihr Angebot verbessern können.

Gekommen, um zu bleiben

Es braut sich also Konkurrenz für die ambulante Versorgung zusammen, mal mehr und mal weniger professionell. Die medizinischen Probleme, die durch die neuen Angebote entstehen, werden der ambulante und womöglich sogar der stationäre Sektor am Ende auffangen müssen – zu Lasten der GKV und damit der Beitragszahlerinnen und Beitragszahler. Doppelstrukturen belasten dann sogar doppelt, nämlich beim GKV-Beitrag und im eigenen Geldbeutel, sollten die Bürgerinnen und Bürger die neuen Angebote wahrnehmen.

Mit Wearables, smarten Applikationen, Dr. Google und KI beobachten die Bürgerinnen und Bürger ihren Gesundheitsstatus mehr als je zuvor selbst. Ein Trend, der auch zum verstärkten Besuch der Drogerie oder der Apotheke führen könnte. Die ambulante Versorgung wird sich gleichzeitig auf mehr Patientinnen und Patienten einstellen müssen, die sich aktiv selbst informiert haben bzw. von alternativen Anbietern beraten oder gar voruntersucht wurden, ja sogar schon erste Testergebnisse mitbringen, sei es aus einer App, von der KI oder eben kommerziellen Anbietern. Zum nicht unerheblichen Teil werden diese Personen durchaus verunsichert sein. Einordnung, Erklärung und Empathie werden so im Patientengespräch noch wichtiger. Für die Patientinnen und Patienten sollte dabei deutlich werden, dass dieser Service in der Praxis unabhängig und freiberuflich und damit ohne wirtschaftliche Interessen erfolgt.