Blick in die Zukunft: Wie ambulante Versorgung regional gesichert werden kann
Beim gut besuchten Ärzteforum Mitte Juni in Wolfsburg wurde diskutiert, worauf es ankommt, wenn Kommunen ihre Versorgung zukunftssicher machen wollen, warum Digitalisierung Standorte attraktiv macht und was junge Ärztinnen und Ärzte eigentlich wollen. Und KVN-Vize Thorsten Schmidt machte nebenbei deutlich: 97 Prozent der Versorgung schultern die Niedergelassenen.
Für beispielhafte Digitalisierung. Thorsten Schmidt, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KVN (3.v.l.) mit Stephan Hofmann, Geschäftsführer der KVN-Bezirksstelle Braunschweig (links), Praxismanagerin Tanja Gerlach und Hausarzt Jan Gerlach (rechts) am Stand der KVN beim Ärzteforum.
„Ärzteförderung aufstocken, Infrastruktur wie Ärztehäuser gemeinsam mit Investoren ausbauen und immer mit allen Beteiligten sprechen.“ So fasste Wolfsburgs Oberbürgermeister Dennis Weilmann seine Bemühungen um die Zukunftssicherung der ambulanten Versorgung in Wolfsburg zusammen. Nur mit der Vernetzung aller Player könne es gelingen, den Herausforderungen des Ärztemangels und einer alternden Gesellschaft zu begegnen.
Herausforderungen, die ja nicht nur in Wolfsburg deutlich werden, auch anderswo in der niedersächsischen Fläche sieht es ähnlich aus. Weilmann eröffnete am 12. Juni 2026 das Ärzteforum Wolfsburg, das unter dem Motto „Praxis. Klinik. Perspektive.“ stand und die Chancen von Wolfsburg für Weiterbildung, Klinik oder die eigene Praxis ausloten wollte.
Auch der niedersächsische Wissenschaftsminister Falko Mohrs möchte das gegenwärtig noch hohe Niveau der ambulanten Versorgung sichern helfen. Für den Standort Wolfsburg lobte er daher vor allem die Kooperation mit der Universitätsmedizin Göttingen, die in Wolfsburg mit dem MedizinCampus Wolfsburg seit 2022 einen zweiten klinischen Ausbildungsstandort etabliert hat. Die Studierenden würden sich in Wolfsburg wohlfühlen, die Stadt und die Umgebung kennenlernen und beides führe dazu, dass sie sich später auch eine Niederlassung in der Region besser vorstellen könnten, so der Minister. Klar ist aber auch, dass an solchen Standortvorteilen nicht alle niedersächsischen Kommunen partizipieren können, wie auch bei nur drei medizinischen universitären Ausbildungsorten.
„Rund 80 Millionen Euro jährlich werden durchschnittlich durch ambulante Leistungen in der Stadt erwirtschaftet.“
Thorsten Schmidt, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KVN
Zukunft der ambulanten Versorgung in Wolfsburg: Thorsten Schmidt, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KVN, bei seinem Vortrag.
Thorsten Schmidt, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KVN, ging konkret auf die Wolfsburger Versorgungssituation (Versorgungsgrad 91,2 %) ein und machte die Wirtschaftskraft der Niedergelassenen für den Raum deutlich. Rund 80 Millionen Euro jährlich werden durchschnittlich durch ambulante Leistungen in der Stadt erwirtschaftet. Eine Million ambulante Behandlungsfälle werden in der Stadt Wolfsburg im Rahmen der vertragsärztlichen Versorgung von den 200 zugelassenen und 80 angestellten Ärztinnen und Ärzten jährlich erbracht. Und in jeder Praxis sind mindestens drei medizinische Fachangestellte beschäftigt. Ärztinnen und Ärzte, die hierzu beitragen und die investieren wollten, müssten von Kommunen gezielt unterstützt werden, forderte Schmidt. Eine gute Infrastruktur werde immer wichtiger. Entscheidend für den Erfolg einer guten ambulanten Versorgung sei aber vor allem die Digitalisierung, also die Nutzung von eRezepten und ePA, die Etablierung von Videosprechstunden, die Arbeit mit modernen PVS-Systemen und natürlich immer mehr auch die Einbindung von KI.
Daneben, auch das war Schmidt ein Anliegen, bleiben die Menschen wichtig. Neben den Ärztinnen und Ärzten sind dies vor allem die medizinischen Fachangestellten, im besten Fall weitergebildet zu nichtärztlichen Praxisassistentinnen (NÄPA), Versorgungsassistentinnen in der Hausarztpraxis (Verah), zum Physician Assistant (PA) oder zum Primary Care Manager (PCM). Qualifizierte Zusammenarbeit auch hier. Damit dies alles gelingt, betonte Schmidt, wie zuvor bereits Oberbürgermeister Weilmann, das Miteinander aller Beteiligter.
Schmidt warf abschließend auch einen Blick in die Zukunft. Die Arztzahlprognose 2040 für Niedersachsen zeigt auf, wie viele Ärztinnen und Ärzte der verschiedenen Fachgruppen 2024 benötigt werden und auch genau wo, immer in Abhängigkeit von der prognostizierten Bevölkerungsentwicklung. Wolfsburg kann demnach durchaus optimistisch in die Zukunft gehen.
„Das Digitale schafft Zeit fürs Menschliche.“
Tanja Gerlach, Praxismanagerin
Verstärkt die regionale ambulante Versorgung: Stephan Hofmann, Geschäftsführer der KVN-Bezirksstelle Braunschweig mit Ärztin Christina Joseph, die sich aktuell in Wolfsburg niederlässt und dabei von der KVN maßgeblich unterstützt wird.
Auch Tanja Gerlach rückte die Menschen in den Mittelpunkt einer modernen Versorgung – und das obwohl gerade ihre hausärztliche „Avatarpraxis“ ein über Niedersachsen hinaus strahlendes Beispiel für konsequente Digitalisierung ist. In ihrem Vortrag stellte Gerlach den Spaß an der Arbeit in den Vordergrund, ebenso wie die Bedürfnisse der Mitarbeitenden und natürlich auch der Patientinnen und Patienten. Digitale Tools und Möglichkeiten helfen dabei, für alle Beteiligten optimale Bedingungen, gelungene Abläufe und schnelle Ergebnisse zu erzeugen – und ja, auch Spaß am täglichen Tun zu fördern und somit Arbeitsplätze attraktiv zu machen. Das, was in der Avatarpraxis in Scheeßel an digitalen Produkten eingesetzt wird hört sich dabei nicht einmal nach Science-Fiction an. Oder klingen Patienten-App, Chat-Funktionen, Videosprechstunde, Telefon-Ki und Homeoffice nach unerreichbaren Visionen? Eben. „Das Digitale schafft Zeit fürs Menschliche“, sagt Tanja Gerlach und inspirierte damit beim Ärzteforum in Wolfsburg das Publikum.
Prof. Dr. Matthias Menzel ging auf die Struktur und das Angebot des Klinikums Wolfsburg ein und Bettina Böttcher, die neue ambulante Direktorin, stellte das klinikeigene MVZ mit dem ambulanten Angebot in den Mittelpunkt Ihres Vortrages.
Qualitätsvoll gestaltete Arbeitsbedingungen schaffen, sowohl ganz konkret in gebauten Räumen, wie zum Abschluss der Veranstaltung Investor Harald Vespermann und Architekt Andre Bühring mit ihrem neuen Ärztehaus in Wolfsburg zeigten, als auch im Zusammenspiel mit digitalen Tools – beides wird für eine ambulante Versorgung in Zukunft immer wichtiger und nur so wird der Nachwuchs zu locken sein: mit attraktiven digitalen Räumen und bezahlbaren Mieten. Dass von solch gelungenen Ansätzen die Region als Ganzes und besonders auch die Patientinnen und Patienten profitieren, ist das Ziel. Das rundum gelungene Ärzteforum in Wolfsburg lieferte hierfür praxisnahe Anregungen.