„Eine der größten Herausforderungen im Gesundheitswesen ist der demografische Wandel“
Niedersachsen Gesundheitsminister Andreas Philippi über das Beitragssatzstabilisierungsgesetz, die Herausforderungen der Versorgung im ländlichen Raum und warum die Reform des Bereitschaftsdienstes in Niedersachsen für ihn Vorbildcharakter hat
Dr. Andreas Philippi ist seit 2023 Niedersächsischer Gesundheitsminister.
Foto: Niedersächsisches Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung
Herr Minister Philippi, Sie haben das Beitragssatzstabilisierungsgesetz des Bundesgesundheitsministeriums deutlich kritisiert. Was hätten Sie sich gewünscht?
Ich hätte mir eine echte Verbesserung für die wohnortnahe medizinische Versorgung gewünscht. Kommunen, Krankenhäuser und Arztpraxen sind seit Jahren chronisch unterfinanziert. Wenn wir unser Gesundheitswesen weiterhin bedarfsgerecht aufstellen wollen, brauchen wir eine Lösung, die diese Finanzierungslücke schließt. Der aktuelle Kompromiss bewirkt jedoch das Gegenteil. Ohne eine vollständige Erstattung der Tarifabschlüsse in Kliniken droht sich die wirtschaftliche Schieflage im stationären Bereich zu verschärfen. Hinzu kommt, dass Praxen, die viele Patientinnen und Patienten versorgen, am Ende mit Honorarkürzungen bestraft werden. Auch die vorgesehenen Kürzungen bei der psychotherapeutischen Versorgung haben das Potenzial, weitere Engpässe und längere Wartezeiten herbeizuführen. Ironischerweise werden dadurch vor allem Regionen mit einem Mangel an Ärztinnen und Ärzten geschwächt.
Sie leiten in diesem Jahr die Gesundheitsministerkonferenz der Länder. Welche Entwicklungen abseits des Beitragssatzstabilisierungsgesetzes sehen Sie aktuell in der ambulanten Versorgung auf Niedersachsen zukommen und welche Schritte unternehmen Sie?
Eine der größten Herausforderungen im Gesundheitswesen ist ohne Frage der demografische Wandel. Einerseits werden in den kommenden Jahrzehnten immer mehr Menschen auf eine medizinische Betreuung angewiesen sein. Andererseits werden viele der heute praktizierenden Ärztinnen und Ärzte nicht mehr zur Verfügung stehen. Wir brauchen daher innovative und nachhaltig wirksame Konzepte. Dazu gehören attraktivere Rahmenbedingungen für medizinisches Personal insbesondere auf dem Land, aber auch ein Ausbau digitaler Angebote, wie z.B. die Telemedizin.
Die Arztzahlprognose 2040 der KVN zeigt, dass die Versorgung in Niedersachsen auch in Zukunft gesichert werden kann, gleichzeitig wird es aber große regionale Unterschiede geben. Was tun Sie politisch, um auch die ländlichen Räume für die kommende Ärztegeneration attraktiv zu machen?
Ländliche Regionen stehen aufgrund infrastruktureller Nachteile oftmals vor größeren Herausforderungen als die Ballungszentren. Vor diesem Hintergrund haben wir in Niedersachen gemeinsam mit Hochschulen, Krankenkassen und Ärztevertretungen den 10-Punkte-Aktionsplan für mehr Hausärztinnen und Hausärzte auf den Weg gebracht. Neben der Förderung von Studierenden im Praktischen Jahr im Bereich Allgemeinmedizin und einer Erleichterung des Quereinstiegs sieht unser Maßnahmenpaket den Aufbau eines Mentoringprogramms für Landarztstudierende vor. Im Rahmen der Landarztquote reservieren wir 60 Studienanfängerplätze für Personen, die sich im Gegenzug dazu verpflichten, sich nach ihrer Ausbildung zehn Jahre lang in unterversorgten Regionen als Hausärztin oder Hausarzt niederzulassen. Zudem fördern wir als Land gemeinsam mit unseren Projektpartnerinnen und -partnern der Selbstverwaltung die „Gesundheitsregionen in Niedersachsen“ dabei, die Versorgungsstrukturen neu zu denken.
„Ich hätte mir eine echte Verbesserung für die wohnortnahe medizinische Versorgung gewünscht.“
Dr. Andreas Philippi
Versorgung kann nur mit dem vorhandenen Personal gelingen. In der anstehenden Notfallreform soll es einen aufsuchenden Dienst geben, der 24/7 und parallel zu den ambulanten Praxisstrukturen etabliert werden soll. Wie bewerten Sie diesen Ansatz und wie reagieren Sie darauf?
Eine Reform der Notfallversorgung halte ich für dringend notwendig. Wir brauchen eine bessere Notfallstruktur, um Patientinnen und Patienten zielgerichtet in die jeweils am besten geeignete Versorgungsebene zu steuern und knappe Fachkräfte effizient einzusetzen. Auf diese Weise entlasten wir Notaufnahmen, Rettungs- und Bereitschaftsdienste. Der Aufbau integrierter Notfallzentren (IZN) ist daher grundsätzlich richtig, jedoch aufgrund des hohen Personalbedarfs eine große Herausforderung. Deshalb muss sehr genau geprüft werden, an welchen bzw. wie vielen Krankenhausstandorten IZN mit welchen Öffnungszeiten und welcher personellen Besetzung einzurichten sind. Es muss sichergestellt sein, dass hierdurch keine Beeinträchtigung der bestehenden ambulanten vertragsärztlichen Versorgung verursacht wird.
Die KVN hat im letzten Jahr den Bereitschaftsdienst in Niedersachsen erfolgreich reformiert und stark digitalisiert. Ist dieses Modell nicht ein Vorbild für die Notfallreform?
Der neue Bereitschaftsdienst hat für mich einen Vorbildcharakter, der weit über die niedersächsischen Landesgrenzen hinausreicht. Die Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass rund 80 Prozent der Fälle telemedizinisch versorgt werden können. Das ist eine beeindruckende Quote. Natürlich sollen telemedizinische Angebote direkte Patientinnen- und Patientenkontakte nicht ersetzen, sie bieten aber gerade für ländliche Regionen neue Chancen. Videosprechstunden, die Nutzung der Rufnummer 116 117 bei kleineren Notfällen oder Telenotärzte – das alles kann Ärztinnen und Ärzte entlasten, damit sie mehr Zeit für Patientinnen und Patienten haben, die wirklich auf den direkten Kontakt angewiesen sind.