Schwerpunkt

Patientensteuerung

Gesundheitsministerin Warken:
Erst zum Hausarzt, dann zum Facharzt

Start des Dialogprozesses zur Erarbeitung eines Primärversorgungssystems

Text: Detlef Haffke

Mit einem Auftaktgespräch hat Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) am 27. Januar 2026 den sogenannten Fachdialog zum Primärversorgungssystem gestartet. Dazu hatte sie Vertreterinnen und Vertreter von Verbänden des Gesundheitswesens im Bundesgesundheitsministerium in Berlin empfangen. Am Ende der Veranstaltung äußerten sich neben Warken auch Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und Stefanie Stoff-Ahnis, stellvertretende Vorsitzende des GKV-Spitzenverbandes, in einer gemeinsamen Presseerklärung gegenüber der Öffentlichkeit.

Der Dialogprozess diente der frühzeitigen Einbindung beteiligter Akteure in die Vorbereitungen des anstehenden Gesetzgebungsprozesses zur Einführung eines Primärversorgungsystems.

Foto: Jan Pauls | BMG

„Wir stehen am Beginn einer der zentralen Strukturreformen im deutschen Gesundheitssystem.“

Nina Warken,
Bundesgesundheitsministerin

Wie soll das Primärversorgungssystem aussehen?

Für verlässlichere Termine bei Fachärztinnen und Fachärzten soll nach Plänen der schwarz-roten Koalition künftig eine gezieltere Patientensteuerung sorgen. Und zwar nach der Maxime: in der Regel erst einmal in die Hausarztpraxis. Die genaue Ausgestaltung des neuen Systems ist noch offen. Eingeführt werden soll es voraussichtlich 2028.

Das Prinzip: Die Hausarztpraxis überweist bei Bedarf und mit einem Termin in einem bestimmten Zeitraum an Fachärzte. Geht das nicht in einer Praxis, dann sollen Patienten auch zu Fachärzten in eine Klinik gehen können. Das soll eine „Termingarantiedarstellen.

Bei Kindern sollen Kinder- und Jugendärzte erste Anlaufstellen sein, bei Frauen Frauenärzte. Patientinnen und Patienten mit Augenproblemen die Augenärzte. Der freie Zugang zu Zahnärzten soll ebenfalls erhalten bleiben. Diese Liste ist aber noch nicht abgeschlossen. Ergänzt werden soll alles durch eine digitale Ersteinschätzung noch vor dem Weg zur Praxis.

Die Details: Wie das System genau aussehen wird, soll jetzt konzipiert werden - auch mit weiterhin möglichen direkten Wegen zu Fachärzten. Auch Patienten mit schweren chronischen Erkrankungen stehen im Fokus. Sie könnten Jahresüberweisungen bekommen oder ein fachärztlicher Internist könnte als steuernder Primärarzt auftreten.

Stärker einbinden will Warken auch andere Gesundheitsberufe neben Ärztinnen und Ärzten. Die offizielle Bezeichnung wandelte sich denn auch schon von „Primärarztsystem“ in „Primär­versorgungs­system“.

Der Zeitstrahl: Warken machte klar: „Wir können das nicht von heute auf morgen einführen.“ Der Umbau gehört zu den Großprojekten dieser Wahlperiode, die Ministerin will bis zum Sommer 2026 einen ersten Entwurf für ein Gesetz erarbeiten. Die Einführung in Stufen wird für 2028 angepeilt.

Die Steuerungsinstrumente: Damit die Steuerung wirkt, sind auch Instrumente im Gespräch: Wenn Patientinnen und Patienten sich daran halten, könnte es einen Bonus geben. Wenn nicht, vielleicht eine Extragebühr.

Die digitale Voreinschätzung: Eingebettet werden soll die Steuerung digital. Vor einem Praxisbesuch soll telefonisch oder online eine Ersteinschätzung zur Dringlichkeit erfolgen. Erst dann werden die weiteren Schritte eingeleitet.

Arzttermine sollen auf einer neutralen einheitlichen digitalen Plattform verfügbar gemacht werden. Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen schlug schon vor, dass man etwa bei einer Kassen-App seine Beschwerden eingibt und erfährt, ob ein Arztbesuch nötig ist oder auch eine Apotheke helfen kann. Die KBV hat die 116117 TerminServicestelle ins Spiel gebracht. Dazu kommen sollen dann auch E-Überweisungen.

Warken wörtlich: „Vom geplanten Primärversorgungssystem werden alle Seiten profitieren: mehr Navigation durch den ambulanten Bereich, eine schnellere Versorgung entsprechend der medizinischen Notwendigkeit sowie ein zielgerichteter und effizienter Einsatz von personellen und finanziellen Ressourcen. Ein wesentlicher Bestandteil wird dabei ein verlässliches digitales beziehungsweise telefonisches Verfahren zur Ersteinschätzung sowie die Weiterentwicklung der Terminvermittlung sein. Wir stehen am Beginn einer der zentralen Strukturreformen im deutschen Gesundheitssystem in diesen Jahren, die ich gemeinsam mit den beteiligten Akteuren erarbeiten und einführen möchte.“

Die stellvertretende Vorsitzende des GKV-Spitzenverbands, Stefanie Stoff-Ahnis: „Der Fachdialog ist ein gutes und wichtiges Signal, dass die Bundesregierung dieses bedeutende Thema nun entschlossen angeht. Wir sehen in der Primärversorgung ein zentrales Instrument, mit dem wir gemeinsam mit der Ärzteschaft die Gesundheitsversorgung zum Wohle der 75 Millionen gesetzlich Versicherten modernisieren, Effizienzreserven heben und einen bedarfsgerechten und diskriminierungsfreien Zugang zur Versorgung sicherstellen können. Dabei entsteht der eigentliche Durchbruch durch die Kopplung der drei digitalen Bausteine elektronische Ersteinschätzung, elektronische Überweisung und elektronische Terminvermittlung zu einem digitalen Versorgungspfad. Es ist höchste Zeit, das Gesundheitssystem in die digitale Gegenwart zu bringen.“

Der Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Dr. Andreas Gassen: „Ich begrüße es sehr, dass das Bundesgesundheitsministerium diesen Fachdialog durchführt. Damit es im Sinne des Koalitionsvertrages zu einer für Deutschland passenden Umsetzung eines Primärversorgungssystems kommen kann, müssen wir das bestehende System optimieren. Hierzu gehört auch, die Patienten besser digital und auch telefonisch zu steuern. Wir verfügen mit der 116117 über ein leistungsfähiges Instrumentarium, das sich insbesondere im Sinne der digitalen Steuerung ausbauen lässt. Gemeinsam mit den Kassenärztlichen Vereinigungen bieten wir unsere konstruktive Unterstützung an. Eine bessere Zuordnung der Patienten ist inhaltlich zweifelsohne ein Gewinn, spart aber – und auch das muss ehrlich gesagt werden – zumindest kurzfristig kein Geld.“