Gemeinsam für die Region
Regionale Praxisnetze führen Ärzte und Sektoren zusammen, schaffen Mehrwerte für Mitglieder und besondere Versorgungsangebote für Patienten. Kurz: Sie kommunizieren positiv an wichtigen Schnittstellen.
Praxis- bzw. Ärztenetze sind regionale Zusammenschlüsse von Ärztinnen und Ärzten zur Optimierung ihrer beruflichen und wirtschaftlichen Situation. Durch gezielte und systematische Kooperation wird die Versorgung der Patienten vor Ort der demographischen Entwicklung angepasst. Daneben ist eines der Ziele die Verbesserung der Kommunikation der Ärztinnen und Ärzte untereinander sowie die Abstimmung der Angebotsstrukturen der einzelnen Leistungserbringer zum Wohle der Patientinnen und Patienten. Einige bestehende Ärztenetze haben neben ärztlichen Partnern verschiedener Fachrichtungen auch andere Leistungserbringer (z.B. Physiotherapeuten, Apotheken, Pflegedienste) mit eingeschlossen.
Wie entwickeln sich die Arztnetze?
Die Zahl der Ärztenetze steigt. Wurden 2002 bundesweit noch rund 200 Netze gezählt, in denen sich rund 10.000 niedergelassene Ärzte zusammengeschlossen haben, sind es heute circa 400 Netze mit schätzungsweise rund 30.000 Ärztinnen und Ärzten. Dabei gibt es große Unterschiede zwischen den Netzen. Einige sind inzwischen so groß und bündeln nahezu alle Ärzte einer Region, dass diese bereits direkte Verträge mit Krankenkassen abgeschlossen haben und einen Teil der medizinischen Versorgung selbst gestalten. Andere befinden sich im Zustand von losen Verbindungen oder Vereinen. Die Richtung aber ist klar: Die Zahl der Netze und deren Grad an Professionalisierung werden weiter steigen.
Mehr Informationen finden Sie beim AdA, dem Bundesverband der Arzt-, Praxis- und Gesundheitsnetze e.V.: www.arztnetze.info
Die drei niedersächsischen Netze im Porträt
In Niedersachsen gibt es zurzeit drei Praxisnetze: „genial“ – das GesundheitsNetz im Altkreis Lingen, „pleXxon“ im Ammerland und das Grafschafter Ärztenetz. In drei Interviews stellen die Vorstände aller drei Netze ihre Arbeit und ihr langjähriges Engagement für ihre Kolleginnen und Kollegen, ihre Region und die Versorgung der Patientinnen und Patienten in Niedersachsen vor.
„Wenn hier das Thema Gesundheit aufpoppt, fragt man uns“
Der Internist Wolfgang Hentrich hat vor 20 Jahren in Lingen mit Kolleginnen und Kollegen das Praxisnetzwerk „genial eG“ gegründet. Seitdem engagiert er sich an den regionalen Schnittstellen zwischen medizinischer Versorgung, Politik und Wirtschaft. Gemeinsam mit genial-Geschäftsführer Christoph Schwerdt zieht er Bilanz.
Wolfgang Hentrich (65) hat an der Medizinischen Hochschule Hannover Medizin studiert und am Bonifatius Hospital Lingen den Facharzt für Innere Medizin gemacht. Seit 1997 ist er als Facharzt für Innere Medizin niedergelassen, seit 2005 in einer fachübergreifender Gemeinschaftspraxis. Seit 2000 engagiert er sich in verschiedenen Funktionen in ärztlichen Netzwerken und ist seit der Gründung 2008 Vorstandsvorsitzender der genial eG Lingen.
Foto: privat
kvn.magazin: Herr Dr. Hentrich, wie ging’s mit dem Praxisnetzwerk in Lingen damals los?
Wolfgang Hentrich: 2006 haben sich dreizehn Kolleginnen und Kollegen getroffen, sich gut verstanden und schließlich eine Satzung ausgearbeitet. Wir haben das Praxisnetz „genial“ bewusst als Genossenschaft gegründet, damit es ein handlungsfähiges Konstrukt ist, das Dinge bewegen kann, aber eben auch einen abgesicherten Rahmen hat.
Was gab damals den Anstoß?
Wolfgang Hentrich: Uns hat ein gemeinsamer Feind geeint. Es war damals die Zeit von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt, Ärztinnen und Ärzte demonstrierten auf den Straßen von Berlin – auch, wenn es kaum jemandem auffiel. Wir wollten uns auch hier vor Ort sammeln, gemeinsame Interessen finden und Standpunkte formulieren – und natürlich große Räder drehen. Zudem gab es damals in Lingen weitere konkrete Anlässe, wie die Gründung eines Ärztehauses, die halfen, Leute an einen Tisch zu bringen und zu sagen, okay, wir machen jetzt was. Relativ viele aus der Lingener Ärzteschaft, Haus- wie Fachärztinnen und -ärzte, haben sich dieser neuen Konzeption angeschlossen.
Hat das von Anfang an gut funktioniert?
Wolfgang Hentrich: Ja, das hat gut funktioniert. Jeder Name hatte plötzlich ein Gesicht, man lernte sich kennen, saß auch in informellen Runden zusammen. Das hat am Anfang sehr viel bewirkt und die Zusammenarbeit auch im Alltag verbessert.
Als Netzwerk haben Sie dann schnell auch Serviceangebote für Ihre Mitglieder angeboten, beispielsweise Fortbildungen organisiert.
Christoph Schwerdt: Tun wir immer noch und haben auch heute noch große Veranstaltungen, teilweise mit bis zu 200 teilnehmenden Kolleginnen und Kollegen. Das hat eine große regionale Strahlkraft.
Konnten Sie vor Ort die erwähnten großen Räder tatsächlich drehen?
Wolfgang Hentrich: Wir haben schnell gelernt, dass wir die großen Räder zunächst nicht drehen und auch kaum Einfluss gewinnen konnten. Man muss einen langen Atem haben, viel kommunizieren und auch akzeptieren, dass nicht alles, was man selbst als vernünftig erachtet, sofort auch umgesetzt wird. Aber: steter Tropfen höhlt den Stein. Wir haben von Beginn an sehr eng mit regionalen Entscheidungsträgern wie Bürgermeistern kommuniziert, sind auch früh in den hiesigen Arbeitgeberverband eingetreten. Und mittlerweile gelten wir in der Region als Kompetenzzentrum.
Das heißt?
Wolfgang Hentrich: Das heißt, wenn in der Stadt Lingen und insbesondere im Landkreis Emsland, mit dem wir wirklich sehr intensiv zusammenarbeiten, das Thema Gesundheit aufpoppt, fragt man uns nach Lösungsvorschlägen. Das hat über die Jahre auch zu regionalen Versorgungsprojekten geführt, die wir hier auf die Straße gesetzt haben. Aber, das muss man auch ganz klar sagen, wir haben Glück, weil wir einen innovationsfreudigen und gesprächsfähigen Landkreis haben. Den finden wir nicht überall.
Christoph Schwerdt (61) ist gelernter Krankenpfleger und studierte anschließend an der FH Osnabrück Betriebswirtschaft im Gesundheitswesen. Seit 1996 ist er in verschiedenen Kliniken und Heimen tätig gewesen und seit 2013 Geschäftsführer des Ärztenetzes genial eG Lingen, seit 2018 als geschäftsführender Vorstand.
Foto: privat
Was für Versorgungskonzepte sind das? Können Sie ein Beispiel nennen?
Christoph Schwerdt: Wir betrachten uns als regionalen Partner der Daseinsfürsorge. Seit zwölf Jahren betreiben wir das Heimarztmodell. Darin fungiert der ‚Heimarzt‘ als Bindeglied zwischen Heim und Praxen und ermöglicht eine reibungslose Kommunikation. Wir haben dafür extra eine Ärztin eingestellt. In der KV gab es damals jemanden, der uns bei dieser ungewöhnlichen Idee sehr unterstützt hat und so kamen wir zu einem Modellvertrag, den alle Krankenkassen in Niedersachsen unterschrieben haben – mittlerweile haben sich die gesetzlichen Rahmenbedingungen aber wieder geändert und wir mussten das Konzept deutlich überarbeiten. Dennoch, die beteiligten Praxen haben einen deutlichen Benefit, werden spürbar entlastet.
Wolfgang Hentrich: Wir haben wissenschaftlich nachgewiesen, dass innerhalb unserer Heimversorgung die Quote der stationären Einweisung über 50 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt liegt. Mit gezieltem Personaleinsatz konnten wir bei weniger Kosten mehr erreichen. Das ist durchaus ein Zukunftsmodell für eine ressourcenschonende Versorgung. Wir zeigen regional, dass koordinierte strukturierte Versorgung funktioniert, Qualität verbessert und Ressourcen einspart. Andere Bundesländer schauen da durchaus genau zu uns hin und adaptieren unsere Ideen.
Inwieweit spielt auch die Schnittstelle zum Krankenhaus in Ihren Bemühungen eine Rolle?
Christoph Schwerdt: Wir sind als Praxisnetz aktiv auf Chefärzte der Krankenhäuser zugegangen und haben gefragt, wo in der Zusammenarbeit der Schuh drückt und was optimiert werden kann. Es macht einfach Sinn, zusammenzuarbeiten.
Wolfgang Hentrich: Das Motto muss doch lauten, lasst uns nicht miteinander schimpfen, sondern die Dinge absprechen, sodass beide Seiten etwas davon haben. Kommunikation ist das A und O. Das finden auch die Kollegen in den Krankenhäusern gut.
Sie sagten, das Netzwerk habe die Zusammenarbeit der Praxen im Alltag verbessert. Was heißt das konkret?
Wolfgang Hentrich: Die Zusammenarbeit unter den beteiligten Praxen funktioniert auf einer sehr menschlichen Ebene. Es ist tatsächlich so, dass die Dinge besser laufen, weil man sich kennt. Es gibt aber keine definierte genial-Arzt-zu-genial-Arzt-Schnittstelle. Auch wenn mir das sehr lieb wäre.
Engagieren sich genügend Kolleginnen und Kollegen im Netzwerk?
Wolfgang Hentrich: Engagement ist nicht immer in ausreichendem Maße vorhanden. Man braucht Leute, die dabeibleiben, auch wenn nicht immer alles sofort funktioniert. Du kannst nicht die Welt retten, aber du kannst sehr viel mehr bewegen, als der eine oder andere glaubt und das macht auch Spaß.
Wie gewinnen Sie jüngere Ärztinnen und Ärzte für Ihr Netzwerk?
Wolfgang Hentrich: Unser Angebot lautet, wenn du herkommst, bist du nicht allein. Du kannst dich einer Gruppe anschließen, die dir vieles erklären, vieles abnehmen kann. Wir bieten einfach Know-how. Die jüngeren Kollegen aber holen sich ihre Infos viel aus dem Netz, kommen nur relativ selten zu Weiterbildungen, obwohl es gerade dort auch viel ums Kennenlernen und den Erfahrungsaustausch geht. Lange Zeit hatten wir einen informellen Stammtisch, aber der ist eingeschlafen. Da gibt es tatsächlich einen Generationen-Gap.
Christoph Schwerdt: Unsere WhatsApp-Gruppe funktioniert hingegen sehr gut, da erreichen wir schnell die Jüngeren. Die Herausforderung ist, dem Nachwuchs zu sagen, wenn du dich ohnmächtig fühlst, bring dich doch ein. Wenn du mit den lokalen Akteuren arbeitest, die dich kennenlernen, dann kannst du vor Ort etwas bewegen und etwas gestalten. So wie wir es ja auch getan haben und tun.
Wie kann das Netzwerk dabei unterstützen, junge Kolleginnen und Kollegen, die durch Weiterbildung in die Region kommen, vor Ort zu halten und von einer Niederlassung zu überzeugen?
Christoph Schwerdt: Wir sind beauftragt, uns um die Verbundweiterbildung im Landkreis zu kümmern und der Ansprechpartner für das komplette Emsland. Wir haben diesbezüglich auch die Uni-Oldenburg um Zusammenarbeit gebeten und sie wird sich 2026 auf unserem Ärztekongress vorstellen. Diese Bemühungen halten auch den Nachwuchs hier in der Region, wir haben derzeit jedenfalls kaum Probleme, freie Sitze wieder zu besetzen.
Wo sehen Sie die Herausforderungen für die Zukunft?
Wolfgang Hentrich: Ein Ziel muss die stärkere Einbindung von Physician Assistants werden, das würde uns in der Fläche sofort helfen und dafür werden wir auch werben. Die Ärztinnen und Ärzte gehen nach und nach in Rente und dann benötigen wir diese Ersatzstrukturen. Wir werden den Ärztemangel ja nicht beheben, sondern mit ihm leben und ihn managen müssen – und um ihn managen zu können, brauchen wir ganz viele neue Strukturen, neue Schnittstellen, wenn Sie so wollen.
Startschuss für „EmslandCare“ in acht Kommunen
Neue Lotsenangebote in Zusammenarbeit mit Ärztenetzes genial eG stärken Beratung und entlasten Hausärzte im Emsland
Mit dem auf Initiative der emsländischen Städte und Gemeinden entwickelten Projekt EmslandCare baut der Landkreis Emsland seine Unterstützungsangebote im Gesundheits- und Pflegebereich weiter aus. Laut Wolfgang Hentrich, Vorstandsvorsitzender des Ärztenetzes genial eG, geht es darum, das Leistungsangebot zu verbreitern, den Menschen schneller zu helfen und dazu noch die Hausärzte zu entlasten.
„Wir wollten die Versorgung besser machen“
Paul Kathmann, ärztlicher Geschäftsführer des plexxon Praxisnetzes im Ammerland und der kaufmännische Geschäftsführer Dr. Andreas Rühle über die regionalen Erfolge der Vernetzung und die Herausforderungen für die Zukunft
Paul Kathmann, Ärztliche Geschäftsführung. Studium der Medizin, Facharzt für Innere Medizin, langjährige Tätigkeit als niedergelassener Hausarzt. Geschäftsführer der plexxon Management gGmbH und der plexxon GbR seit Gründung
Foto: plexxon
kvn.magazin: Das Praxisnetzwerk „genial“ in Lingen (siehe Interview) hat sich seinerzeit vor dem Hintergrund der in Berlin gegen Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt demonstrierenden Ärztinnen und Ärzte gegründet. War die damalige politische Bewegung auch bei Ihnen im Ammerland der Anlass, um sich zusammenzuschließen?
Paul Kathmann: Ja, das war durchaus so. 2006 gab es hier vor Ort bereits in einzelnen Gemeinden kleine Ärztenetze. Aus denen hat sich eine Bewegung entwickelt, die sagte, jetzt lass uns doch mal überlegen, wie wir die Versorgung regional anders gestalten können. Daraus ist 2007 das Ärztenetz im Ammerland und in Ostfriesland entstanden. Konkret politisch arbeiten wollten wir aber nicht, sondern aktiv ins Versorgungsgeschehen einsteigen – und zwar dort, wo Versorgungslücken bestanden, bei denen wir der Meinung waren, das können wir besser machen. Darunter haben sich dann alle bereits vorhandenen Strukturen versammelt und sich den Namen „plexxon“ gegeben.
Andreas Rühle: Wir haben uns ganz bewusst nicht auf die politische Seite geschlagen, wir wollten Versorgung gestalten und verbessern. Da dies alleine nicht gelingt, sondern nur mit einer Vielzahl anderer Menschen mit gleicher Absicht, haben wir uns zusammengeschlossen. Heute sind rund 70 Ärztinnen und Ärzte im Netz, das ist fast die Hälfte der regionalen Ärzteschaft, darunter Haus- und Fachärzte.
Kathmann: Wir haben bis heute viele fachliche Treffen und diskutieren über Behandlungspfade aus verschiedenen Gebieten. Wir treffen uns aber auch regelmäßig, um uns persönlich auszutauschen.
Mit welchem Versorgungsthema ging es damals los?
Kathmann: Als erstes großes Versorgungsthema kam im Laufe des Jahres 2008 die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) hoch. Viele Regionen in Niedersachsen setzten SAPV um und wir waren von Anfang an mit dabei. Aus Haftungsgründen haben wir hierfür eine gemeinnützige Tochtergesellschaft gegründet, die plexxon Management gGmbH. Ansonsten ist plexxon als GbR organisiert.
Rühle: In der GbR finden die Schnittstellenthemen, also der kollegiale Austausch der Ärzte untereinander und die Fortbildungen statt. Dort sprechen wir auch über konkrete Problemfelder wie Überweisungen, Zuweisungen, Terminvergabe übers Internet – all diese Themen. Und überall dort, wo wir in eine Rechtsverbindlichkeit nach außen gehen, sei es bei Verträgen mit den Krankenkassen oder anderen Formen der Versorgungsverbesserung, kommt die Management gGmbH zum Zuge. Eine bewährte zweigeteilte Struktur.
Dr. rer. oec. Andreas Rühle, Kaufmännische Geschäftsführung. Studium und Promotion Wirtschaftswissenschaft, langjährige Tätigkeit als Unternehmensberater, Geschäftsführer mehrerer Unternehmen im Gesundheitssektor. Geschäftsführer der plexxon Management gGmbH und der plexxon GbR seit Gründung
Foto: plexxon
Wie viele Patientinnen und Patienten versorgen Sie heute im Rahmen der SAPV und welche anderen Versorgungsprojekte betreut die gGmbH?
Kathmann: Wir machen SAPV für zwei Landkreise und versorgen monatlich rund 130 Patientinnen und Patienten. Darüber hinaus haben wir eine eigene Tagespflege gegründet und betreiben eine Wohngemeinschaft für junge Pflegebedürftige, das sind Menschen, die normalerweise im Altersheim leben würden, wobei sie dort gar nicht hingehören. Wir haben einen Pflegedienst, eine Eingliederungshilfe und einen Demenzstützpunkt zur Beratung der Erkrankten und deren Angehörigen. Das sind ganz viele Dinge, die wir machen, die größtenteils mit Verträgen mit Krankenkassen zur Finanzierung unterlegt sind. Aber, und dass ist der gemeinnützige Charakter, der Demenzstützpunkt beispielsweise ist nicht gegenfinanziert, sondern funktioniert allein über Spenden. Gleiches gilt für unsere Trauergruppe „Sturmlicht“, in der Kinder und Jugendliche begleitet werden, wenn ein Elternteil verstirbt. Wir sind sehr breit und vielfältig aufgestellt.
Rühle: Am Beispiel der Arbeit des Demenzstützpunktes heißt das für unsere Mitglieder: Sitzt ein Patient mit Verdacht auf Demenz in der Praxis, kann er sich an den Demenzstützpunkt wenden und die Mitarbeiter einschalten. Dort werden die Patienten beraten, die Case-Manager gehen in die Familie und klären die dort nötige Hilfe ab, betreuen auch die Angehörigen und geben Rückmeldung an die Praxis. Der Stützpunkt nimmt den einzelnen Arztpraxen sehr viel Arbeit ab.
Kathmann: Wir wollten mehr Bewusstsein dafür schaffen, dass Demenz durchaus eine Krankheit ist, die zum Tode führt. Mit der Gesundheitsregion des Landkreises Ammerland, mit dem wir gut vernetzt sind, haben wir zwei Jahre gemeinsam das Projekt „Demenz und Lebensende“ durchgeführt. Oftmals wird eine SAPV-Einschreibung von Patienten mit Demenz nämlich nicht genehmigt. Unser Ziel war es, hierfür mehr und vor allem die Krankenkassen zu sensibilisieren.
Arbeiten Sie auch an der Schnittstelle zum stationären Sektor?
Kathmann: Ja, der Landkreis hat einen Arbeitskreis Entlassmanagement in dem Krankenhäuser und niedergelassene Ärztinnen und Ärzte vertreten sind. Zudem haben wir eine Kooperation mit der Ammerland-Klinik in Westerstede.
plexxon betreibt auch die Bereitschaftsdienstpraxis.
Kathmann: Richtig, plexxon hat sogar ein eigenes Unternehmen gegründet, mit dem wir die Bereitschaftsdienstpraxis im Krankenhaus in unmittelbarer Nähe zur Notaufnahme betreiben. Das ist ein sehr innovatives Projekt, weil es eine Ein-Tresen-Lösung gibt, ähnlich wie das derzeit für die Reform des Notfallgesetzes angedacht ist. Hier werden die Patienten beurteilt und es wird entschieden, ob sie in die Bereitschaftsdienstpraxis oder ins Krankenhaus gehören. Über diese sehr enge ambulant-stationäre Kooperation sind wir auch über viele andere Themen im Gespräch gewesen, gerade auch übers Entlassmanagement. Wenn wir unsere jährlichen Haus- und Fachärztetage durchführen, nehmen auch viele Krankenhausärzte teil. Sie sehen, es besteht eine enge Verbindung.
Rühle: Mit der Ammerland-Klinik gibt es zudem eine Kooperationsvereinbarung zur Versorgung von Schlaganfallpatienten. Wenn diese Patienten entlassen werden, oder aus der Reha zurückkommen, können sie bei uns angemeldet werden. Eine speziell ausgebildete Case-Managerin, die auch viele Jahre auf einer Stroke-Unit gearbeitet hat, begleitet die Patienten und versucht mit ihnen auch über Fragen des Lebensstils zu sprechen, um auch so erneute Schlaganfälle zu vermeiden. An dieser Stelle besteht eine gute Überleitung in den ambulanten Sektor. Wie beim Thema Demenz verbessern wir auch bei diesen Fällen die Informationsweitergabe an die Hausärzte, die ja oft erst spät von einem Schlaganfall ihrer Patienten erfahren.
Wie steht es um den Nachwuchs? Wirken Sie auch in diese Richtung?
Kathmann: Medizinstudierende der Uni Oldenburg können in plexxon-Praxen hospitieren. Mangel an Nachwuchsmedizinern haben wir in der Region keinen – und das ist vielleicht auch unser Erfolg.
Rühle: Die Jüngeren sind jedoch nicht so sehr vom Solidaritätsgedanken getragen, der einst zur plexxon-Gründung geführt hat. Wir versuchen, diese Ärzte mit verschiedenen Maßnahmen ins Netzwerk zu integrieren und sie bei uns aufzunehmen und haben auch bereits in den Gremien jüngere Ärzte, die bei plexxon eingetreten sind.
Kathmann: Um Nachwuchs für plexxon zu gewinnen, ist Kommunikation auch über persönliche Kontakte weiterhin notwendig. Wobei die Praxen alle mit Arbeit so voll ausgelastet sind, dass das nicht gerade einfacher wird.
Wie blicken Sie in die Zukunft?
Kathmann: Für uns waren immer die Gruppen interessant, die in der Regelversorgung nicht so gut versorgt waren. Gerade in der Geriatrie und in der Demenz haben wir große Betätigungsfelder gefunden, in denen eben noch keine ausreichende Versorgung besteht. Das ist auch weiterhin ein Zukunftsthema.
Rühle: Bei plexxon arbeiten über 80 Menschen, da entstehen jeden Tag neue Versorgungsideen und die werden auch weiterentwickelt. Und dann ist es unsere Aufgabe, diese Konzepte den plexxon-Ärzten nahe zu bringen, die Vorteile deutlich zu machen und sie auf dem Weg mitzunehmen. Denn unsere Angebote sollen ja neben der Versorgungsverbesserung vor allem die Praxen entlasten.
„Wir sind eine Interessensvertretung“
Die Ärztinnen Dr. Ute Muhs und Jacqueline Adrian-Kabul sowie die Netzmanagerin Friedhild Füser über professionelle Strukturen von Praxisnetzen, warum ausgerechnet sie entscheidend und Gespräche auf Augenhöhe immer ein Gewinn sind.
Dr. Ute Muhs (mitte) ist Fachärztin für Allgemeinmedizin und seit 2011 in einer Gemeinschaftspraxis niedergelassen. Seit über zehn Jahren arbeitet sie im Vorstand des Grafschafter Ärztenetzes.
Jacqueline Adrian-Kabul (links) ist seit 1996 als Hausärztin in Bad Bentheim niedergelassen und leitet seit über 16 Jahren ärztliche Qualitätszirkel. Seit 2021 ist sie im Vorstand des Grafschafter Ärztenetzes aktiv.
Friedhild Füser (rechts) ist MFA sowie Case- und Gesundheitsmanagerin. Seit Februar 2025 ist sie als Netzmanagerin beim Grafschafter Ärztenetz tätig, organisiert Veranstaltungen, kümmert sich um Projekte, Öffentlichkeitsarbeit und die Anliegen der Netzpraxen sowie der externen Partner.
Foto: Grafschafter Ärztenetz e.V.
Frau Dr. Muhs, das Grafschafter Ärztenetz wurde 2022 zertifiziert, aber bereits 2001 gegründet. Was war damals der Anlass?
Dr. Ute Muhs: Wir wollten in der Region für die Kolleginnen und Kollegen untereinander eine Kommunikationsplattform schaffen, auf der kleine und große Sorgen besprochen werden können. Mit unserem Netz bieten wir gute Möglichkeiten des Miteinanders, der informellen oder auch der formellen Kommunikation. So sind wir zu einer Interessensvertretung geworden, denn gemeinsam können wir unsere Themen viel besser vertreten als allein. Im November dieses Jahres feiern wir unser 25-jähriges Jubiläum.
Sie haben die Kommunikation der Beteiligten im Gesundheitswesen in Ihrer Region also professionalisiert?
Dr. Muhs: Ja, gerade retrospektiv muss man sehen, dass es nicht viele Ebenen in unserer Region gab, auf denen man sich getroffen hat oder auch sich in einer größeren Gemeinschaft zusammenfinden konnte, außer bei kleinen Stammtischen. Eine neue Möglichkeit zu schaffen, war tatsächlich eine Errungenschaft. Wir leben vom Miteinander und vom direkten Gespräch unter den Kolleginnen und Kollegen oder auch mit den MFA – auf welcher Ebene auch immer. Das darzustellen und anzubieten, ist uns wichtig.
Jacqueline Adrian-Kabul: Ich bin jetzt schon 30 Jahre hier niedergelassen und früher gab es gar nichts. Ich fühlte mich sehr als Alleinkämpferin. Die Kommunikation untereinander fehlte einfach. Aber im Alltag gibt es viele Fragen, beispielsweise hinsichtlich des Umgangs mit der KV, Fragen zur Abrechnung, Fortbildung. Wo ist was und was kriegt man wie und wo? Das Ärztenetz erleichtert es, Antworten zu bekommen, sei es informell durch kleinere Treffen oder bei Fortbildungen, aber auch über E-Mails oder die Mitgliederversammlung, wo jeder seinen Senf dazugeben oder Ideen entwickeln kann.
Warum haben Sie zusätzlich die Zertifizierung angestrebt?
Friedhild Füser: Um das Netzwerk langfristig auf sichere Füße zu stellen, brauchte es eine solide finanzielle Basis und die 2022 erfolgte Zertifizierung war ein Weg dahin.
Weil mit der Zertifizierung die finanzielle Förderung durch die KVN einhergeht?
Füser: Ja, jetzt ist es uns möglich, anders zu agieren, andere Personen zusammenzubringen und auch die Geschäftsstelle professioneller aufzustellen. Meine Stelle wäre sonst nicht darstellbar.
Können Sie den Nutzen der Praxen vor Ort durch die Beteiligung am Netzwerk noch einmal konkretisieren?
Füser: Ganz wichtig sind die Fortbildungen und der Austausch im informellen Bereich sowie die Qualitätszirkel. Das wollen wir noch gezielter voranbringen, denn das führt dazu, dass die Praxen entspannter und auch effizienter laufen, weil man mehr Informationen hat und sich untereinander kennt.
Welche Informationen sind das?
Füser: Ein großes Manko war zum Beispiel früher, dass die Praxen nicht gut genug über die sozialen Hilfsstrukturen in der Grafschaft informiert waren. Dabei gibt es einige. Diese durch das Netzwerk darzustellen und auch den Kolleginnen und Kollegen anzutragen, ist insbesondere für die Patientinnen und Patienten sehr wertschöpfend. Die Praxen sind ja Verteiler der Information und lassen sie den Patienten individuell zukommen.
Binden Sie auch die Kliniken mit ein?
Füser: Wenn die Kliniken Fortbildungen anbieten, melden sie sich bei uns und fragen, ob wir die Infos verteilen können. Und andersrum genauso, wenn wir Fortbildung haben, gehen wir in deren Richtung und sagen, wir haben da etwas Interessantes.
Dr. Muhs: Die Kontakte zu den Kliniken sind seit Jahren vorhanden. Derzeit entstehen in der Region viele MVZ. Wir sind daher aktuell auf die Geschäftsführung der EUREGIO-KLINK in Nordhorn zugegangen, die die meisten MVZ hier betreibt. Wir versuchen zu prüfen, wie wir im Detail etwas in der Zusammenarbeit verbessern können – und dabei eben auch ein Verständnis für die Belange der Haus- und Fachärzte und der ambulanten Versorgung zu schaffen.
Und wie sind Ihre Kontakte in Richtung Verwaltung beziehungsweise Politik?
Dr. Muhs: Wir stehen in Kooperation mit dem Landkreis. Deren Angebote zum sozialen Leben werden über uns an die Praxen und somit an die Patientinnen und Patienten vermittelt. Wir sind also eine zentrale Schnittstelle und sehen uns als Vermittler und als Anbieter auch dieser Informationen.
Gehen Sie auch Ihrerseits auf den Landkreis mit Forderungen oder Vorschlägen zu?
Adrian-Kabul: Ja, zum Beispiel mit dem Raus-aufs-Land-Projekt. Das ist ein Nachwuchs-Förderprojekt für angehende Medizinerinnen und Mediziner. Wir laden dabei Studierende aus ganz Deutschland ein – und dieses Projekt wird vom Landkreis gefördert.
Ist das erfolgreich?
Adrian-Kabul: Absolut ja. Ich glaube wir haben inzwischen über 60 Kontaktadressen und einige Kolleginnen und Kollegen sind auch schon in der Region hängengeblieben, haben ihre Assistenzzeit hier verbracht und sich auch niedergelassen.
Wie sieht das Programm konkret aus?
Adrian-Kabul: Wir organisieren ein Wochenende, gefüllt mit Fortbildung in den beiden Kliniken, mit nettem Beisammensein, praktischen Übungen, Informationen über die Niederlassung und vieles mehr. Wir versuchen die Bedürfnisse und die Interessen der Studierenden aufzugreifen, ihnen Ansprechpartner aus der Praxis zu vermitteln und bieten auch eine Veranstaltung in der Grafschaft an, um die Teilnehmenden ein bisschen heiß zu machen für die Region.
Dr. Muhs: Als nächstes planen wir ein Forum für junge Ärztinnen und Ärzte und wollen junge Assistentinnen und Assistenten mit jungen niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen zusammenbringen. Auch hier sollen die Schnittstellen besser werden.
Füser: Und im März 2026 haben wir eine Veranstaltung für unsere Mitglieder und deren MFAs. Dort stellt auch der Landkreis seine öffentlichen Angebote dar und es bleibt Zeit, sich auszutauschen, sodass auch die Praxisteams Kontakt erhalten zu den verschiedenen Akteuren. Das ist eine weitere zentrale Schnittstelle. Das ist unser Ansatz, sowohl was Kommunikation, aber auch was Information angeht. Zudem werden wir uns im Herbst mit Unterstützung der Ärztekammer auf einer Berufsmesse präsentieren, um für den MFA-Beruf zu werben. Der Fachkräftemangel verbindet ja alle Praxen.
Sie heben viele Potenziale.
Adrian-Kabul: Potenzial gibt es an vielen Ecken. Aber, wir Ärzte sind ehrenamtlich tätig. Es ist also immer auch eine Frage des Zeitaufwands.
Füser: Ich bin ja wie erwähnt durch die KVN-Förderung hauptamtliche Mitarbeiterin. Das ist ein ganz wichtiger Faktor. Anders wäre unser Engagement in dieser Größenordnung nicht möglich. Insofern ist die Rezertifizierung des Netzwerks nächstes Jahr unbedingt ein Ziel. Wir haben ja auch Räumlichkeiten, die unterhalten werden müssen. Wir können uns in der Geschäftsstelle mit bis zu 16 Personen treffen. Das ist eine tolle Möglichkeit, um zum Beispiel in Facharzt-AGs über Terminschwierigkeiten zwischen Hausarzt und Facharzt, zu sprechen.
Sie versuchen also auch die Schnittstellen zwischen den Fachgruppen zu verbessern?
Adrian-Kabul: Wir können keine großen Lösungen schaffen, also versuchen wir kleine. Wir wollen untereinander besser miteinander kommunizieren. Und da hat sich tatsächlich die eine oder andere Idee entwickelt und die wurden auch umgesetzt.
Zum Beispiel?
Adrian-Kabul: Zum Beispiel hatten wir die örtlichen Kardiologen eingeladen. Ich habe die Seite der Hausärzte vertreten. Wir haben uns ausgetauscht, beispielsweise darüber gesprochen, welche Informationen auf einer Überweisung stehen sollten. Alle können die Termine so besser planen, als wenn man denkt, oh Gott, da muss ja noch ein Belastungs-EKG gemacht werden. Nein, muss es gar nicht. Das weiß ich aber nur, wenn es kommuniziert wird. Genau definieren, was wollen wir, was suchen wir, darum geht es. Einige Zeit nach dem Gespräch sagte ein Kollege zu mir, zum ersten Mal bekäme er nun Briefe über KIM. Das ist doch toll. Ich setze viele dieser Ergebnisse in meiner Praxis um und es flutscht wunderbar.
Das gegenseitige Verständnis füreinander ist in den Gesprächen also vorhanden?
Adrian-Kabul: Ja, auf jeden Fall. Es ist wirklich erfreulich.
Dr. Muhs: Es funktioniert sehr gut. Wir kriegen dadurch auch die Patienten ein bisschen schneller unter. Das steigert die Zufriedenheit auf allen Seiten.
Mit gemeinsamen Gesprächen kann man also viel bewegen.
Dr. Muhs: Ja. Im Gespräch auf Augenhöhe.
Was raten Sie Ihren Kolleginnen und Kollegen in anderen niedersächsischen Regionen, die ein Praxisnetz gründen wollen?
Adrian-Kabul: Ärzte- oder Praxisnetze, die bisher ehrenamtlich unterwegs waren und sich professionalisieren wollen, ermöglicht ein Zertifizierungsprozess eine andere Öffentlichkeit und Finanzierung sowie den Aufbau professioneller Strukturen. Unsere finanziellen Ressourcen sind seit der Zertifizierung komplett anders und erst damit können wir richtig arbeiten.
Dr. Muhs: Grundsätzlich sollte man etwas tun, um sich gerade in strukturschwachen Regionen darzustellen, um den Nachwuchs anzusprechen oder die regionalen Probleme anzugehen. Das kann man als einzelner Mensch nicht leisten, nur im Verbund.