„Einfach machen!“
Hausärztin Dr. Christiane Qualmann leitet mehrere Qualitätszirkel und ist von ihrem Nutzen überzeugt. Kommunikation untereinander schafft ein gutes Miteinander, sagt sie im Interview.
Dr. Christiane Qualmann ist hausärztliche Internistin in einer Berufsausübungsgemeinschaft mit drei Kolleginnen und Ärztinnen in Weiterbildung in der Hausärztinnenpraxis Rotenburg. Sie engagiert sich als Mitglied der Vertreterversammlung der Ärztekammer Niedersachsen, ist Vorsitzende der Bezirksstelle Verden der Ärztekammer und Ärztevereinsvorsitzende in Rotenburg. Außerdem ist sie im Hausärzteverband und im Vorstand der KVN-Bezirksstelle Verden aktiv. Sie moderiert drei Qualitätszirkel.
Frau Dr. Qualmann, um was geht es eigentlich bei Qualitätszirkeln (QZ)?
Qualitätszirkel sind so unterschiedlich wie die Ärzteschaft in Niedersachsen. Themen sind nicht vorgegeben. Es gibt für die Anerkennung von Qualitätszirkeln lediglich einige Regeln, die auf der Website der KVN zu finden sind. QZ helfen uns, unsere berufliche Qualifizierung auf Augenhöhe zu verbessern. Wir können hierdurch auch Fortbildungspunkte sammeln für unsere Zertifikate bei der Ärztekammer und Fortbildungsverpflichtungen aus anderen Verträgen in der Versorgung.
Und wie läuft ein QZ-Treffen ab?
Im Akkreditierungsprozess werden die QZ-Treffen mit einem Thema geplant, jemand referiert darüber, man diskutiert dazu, lernt voneinander und bildet sich gegenseitig fort. Man kann sich gegenseitig medizinische Fälle vorstellen, Interessantes, etwas, wozu wir die Expertise der Kolleginnen und Kollegen erbitten – und besprechen dies gegebenenfalls auch einmal im Sinne eines Fehlermanagements. Durch Berichte von spannenden Fortbildungen, die einzelne besucht haben, können die anderen auch davon profitieren, Ein bisschen Berufspolitik darf auch gerne sein.
Tragen Qualitätszirkel also zur Kommunikation in der Ärzteschaft bei?
Nun, zum einen hat sich unser aller Arbeit enorm verdichtet und es bleibt im Alltag oft nicht die Zeit, über medizinische Themen miteinander ins Gespräch zu kommen, kniffelige Fälle zu diskutieren, Meinungen zu Vorgehensweisen auszutauschen, neue Leitlinien gemeinsam auf ihre Praxistauglichkeit zu prüfen. Das gilt für Praxen mit mehreren Ärztinnen und Ärzten – aber in noch größerem Umfang für Einzelpraxen. Zum anderen finden die früheren „natürlichen“ Treffen der Niedergelassenen zu Dienstplanbesprechungen nicht mehr statt, da dieses effizient online erledigt wird. Wir sehen das insbesondere in jüngster Zeit als große Entlastung der Ärzteschaft an – aber alles hat eben seine zwei Seiten. Also: ja, Qualitätszirkel dienen dem interkollegialen Austausch.
Quelle: KBV
Welche Hürden können abgebaut werden, welche Missverständnisse ausgeräumt?
Wenn man sich untereinander persönlich kennt und darüber hinaus mit gemeinsamen Intentionen trifft, werden nach meiner Erfahrung Dinge, die einen an der Arbeit von Kolleginnen und Kollegen vielleicht irritieren, eher direkt angesprochen und geklärt. Das Klima untereinander verbessert sich durch persönliches Kennenlernen sehr, Verständnis kann wachsen.
Wächst auch das Vertrauen untereinander?
Vertrautheit ist tatsächlich eine ganz große Stärke der Qualitätszirkelarbeit. Gerade die Vertrautheit schafft ein gutes Miteinander. Im QZ müssen keine Claims abgesteckt werden, dort müssen wir uns nicht produzieren und beweisen, sondern wir können zusammen etwas erarbeiten, was für uns alle gut ist. Kommunikation ist der ganz große Schatz, den wir in der Qualitätszirkelarbeit haben. Worauf es aber ankommt, um diese Atmosphäre herzustellen – und das kann ich aus langjähriger Qualitätszirkelarbeit sagen – ist Engagement der Mitglieder und der moderierenden Person. Es braucht jemanden, der das immer wieder zusammenbringt organisiert. Für die Leitung eines akkreditierten QZ muss eine Moderatorenschulung absolviert werden. Zur Unterstützung der Durchführung der QZ gibt es QZ-Module, z.B. von der KBV oder für Hausärztinnen und Hausärzte vom IHF (Institut für hausärztliche Fortbildung).
„Vertrautheit ist eine ganz große Stärke der Qualitätszirkelarbeit.“
Dr. Christiane Qualmann
Ist Kommunikation also das Zauberwort für eine bessere fachgruppenübergreifende Zusammenarbeit?
Hier über einen Zauber verfügen zu können, wäre himmlisch! Aber im Ernst: gute Kommunikation und ein wertschätzender Umgang miteinander sind die Grundlage. Dazu müssen aber unter anderem faire Vergütungen für alle Beteiligten und eine ehrliche Darstellung dessen, was sinnvoll und leistbar ist, hinzukommen. Ich gehöre zu den, die meinen, Kommunikation ist entscheidend, nur darüber wird es funktionieren.
Welche fachlichen Schnittstellen verbessern Sie in den von Ihnen geleiteten QZ?
Häufig sind QZ in einem Sektor, oft auch in einem Gebiet verortet. Trotzdem gibt es ja immer Spezialisierungen, so dass wir von der Kompetenz der anderen Teilnehmenden profitieren können. Qualitätszirkel bieten auch die Möglichkeit, sich Referentinnen und Referenten einzuladen und so auch ganz regional und im gemeinsamen Austausch Schnittstellen und Abläufe zu verbessern. Die maximale Größe eines QZ von 20 Personen bietet hierfür eine gute Möglichkeit. Als Ärztevereinsvorsitzende möchte ich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass auch deren Fortbildungen hierfür eine weitere exzellente Möglichkeit bieten – sie können als sich ergänzende Formate verstanden werden.
Können Qualitätszirkel auch an der Schnittstelle ambulant-stationär positiv wirken und wenn ja, wie?
Diese Zusammenarbeit ist in der Tat oft schwierig, obwohl alle es gut hinbekommen wollen und wohlmeinend sind. Wir kreisen ja quasi auf anderen Umlaufbahnen, sind in unterschiedlichen Welten unterwegs. Wir müssen gerade deswegen erklären, reden, sprechen, gucken, die Hürden abbauen. Und wenn wir an Ärztinnen und Ärzte im Krankenhaus herantreten und sagen, wäre es nicht schön, mal eine Fortbildung zusammenzumachen, dann ist da immer eine offene Tür.
„Mir bringt das Arbeiten mehr Spaß, wenn ich mich eingebettet und vernetzt fühle.“
Dr. Christiane Qualmann
Sie kommen also schon zusammen.
Ja. Zum einen, in dem wir Referierende aus dem stationären Sektor einladen. Zum anderen, in dem wir auch gezielt „gemischte“ QZ etablieren. Ich moderiere beispielsweise einen QZ zur Behandlung der Depression und anderer psychiatrisch-psychosomatischer Erkrankungen, die uns in der hausärztlichen Versorgung sehr beschäftigen, für die aber die fachärztliche oder psychotherapeutische Weiterbehandlung mangels Ressourcen nicht gewährleistet werden kann. Hier sind die ärztlichen Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychosomatische Medizin mit eingebunden. Über die psychiatrische Institutsambulanz arbeiten wir schon ambulant – tagesklinisch – stationär zusammen und lernen im QZ sehr viel für die praktische Umsetzung voneinander. Und das ist ideal. Wir diskutieren die neuesten Leitlinien, erfahren wie die Krankenhausärzte arbeiten etc. Wir können die vorhandenen Probleme schildern, was dann Eingang in die Arbeit der PIA (Psychiatrische Institutsambulanz) oder in andere Abläufe finden kann, wenn es für sinnvoll erachtet wird. Das ist Top – wenn auch mühsam. Aber das ist eine riesige Chance, die Qualitätszirkel auch dafür zu nutzen.
Wo spüren Sie im Alltag, dass Schnittstellen „mühsam“ sind?
Ein Beispiel: Wenn wir eine Krankenhaus-Einweisung machen, ist die auf Papier, bis die im Krankenhaus gescannt ist, dauert es ein paar Tage. Dazwischen gehen die Informationen zum Teil verloren. Die Digitalisierung fehlt oder hat Brüche. Wir benötigen pragmatische Ansätze, und die können wir im QZ besprechen.
Sind Qualitätszirkel für den ärztlichen Nachwuchs eine Gelegenheit, sich mit der Ärzteschaft in der jeweiligen Region zu vernetzen?
Absolut! Wir haben die Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung selbstverständlich in die QZ eingebunden – und profitieren voneinander: ihr Wissen ist oft aktuell, von Universität und Klinik geprägt – und sie können von der praktischen Erfahrung der schon länger arbeitenden Kolleginnen und Kollegen auf Augenhöhe lernen. Beide Seiten finden das total super.
Haben die jungen Kolleginnen und Kollegen überhaupt die Zeit, an einem QZ teilzunehmen?
Es ist hier hilfreich, einige Treffen abends und online zu planen. Dann sind die Kinder im Bett und man kann sich nochmal austauschen. Wir diskutieren ja auch Themen, die besonders den ärztlichen Nachwuchs beschäftigen. Wie ist das, wenn ich gerade eine Praxis übernommen habe? Wie geht das mit der Abrechnung? Wie macht ihr das mit den Verträgen? Auch dafür sind Qualitätszirkel ein gutes Tool.
Wenn eine Kollegin oder ein Kollege auf Sie zukommt und sagt, ich will einen Qualitätszirkel gründen. Was antworten Sie?
Go ahead. Einfach machen. Such dir nette Leute, mit denen du Lust hast, Dich auszutauschen und fang an. Die KV unterstützt dabei.
QZ machen also Spaß?
Klar. Mir bringt das Arbeiten mehr Spaß, wenn ich mich eingebettet und vernetzt fühle. Für mich ist es persönliche Motivation, auf dieser kollegialen Ebene zusammenzukommen, Kommunikation und Austausch sind das Wichtigste daran. Gemeinsames Vorankommen macht einfach Spaß!
Qualitätszirkel in der Vertragsärztlichen Versorgung
Qualitätszirkel sind ein wichtiges Instrument der Qualitätsförderung, das in den Qualitäts-sicherungs-Richtlinien der KBV als anerkanntes Qualitätsinstrument beschrieben wird. Ärzte und Psychotherapeuten haben in Qualitätszirkeln die Möglichkeit, sich mit Kolleginnen und Kollegen fachlich auszutauschen, das eigene Handeln zu reflektieren und neues Wissen zu generieren. Qualitätszirkelarbeit wird durch die KVN finanziell gefördert und die Zirkel können über die KVN bei der Ärztekammer als Fortbildung akkreditiert werden.
Speziell ausgebildete ärztliche oder psychotherapeutische Kolleginnen und Kollegen leiten die Qualitätszirkel als Moderierende. Sie wiederum werden in den meisten Kassenärztlichen Vereinigungen von Tutorinnen und Tutoren – das sind Moderierende mit Zusatzausbildung – aus- und fortgebildet.
Voraussetzungen:
- Grundsätze der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen
- Fachliche Befähigung zum Moderator (KVN-Moderatorengrundausbildung oder von Drittanbietern, soweit von der KVN anerkannt)
- Antrag auf Anerkennung zum Moderator zentral
(Ansprechpartner: Marlen Hilgenböker, Tel.: 0511/380-3311, E-Mail: marlen.hilgenboeker@kvn.de) - Antrag auf Anerkennung eines Qualitätszirkels dezentral bei der zuständigen Bezirksstelle.
Im Jahr 2024 wurden in Niedersachsen 464 Qualitätszirkel durchgeführt.
Weitere Informationen sowie die Antragsmodalitäten finden Sie auf der Internetseite der KVN unter: https://www.kvn.de/Mitglieder/Qualität/Qualitätszirkel.html