Schwerpunkt

Digitalisierung

Foto: Robert Clark | pexels

Digitale Schnittstellen –
von der Verbindung zur Vernetzung

Wie Interoperabilität, ePA und KI die Zusammenarbeit auch über Sektorengrenzen hinweg verändern werden

Text: Dhana Hußmann

Wie Interoperabilität, ePA und KI die Zusammenarbeit auch über Sektorengrenzen hinweg verändern wird

Text: Dhana Hußmann

Die medizinische Versorgung wird komplexer – mehr Diagnosen, mehr Mitbehandlerinnen und Mitbehandler, mehr Daten. Während Patientinnen und Patienten längst selbstverständlich digitale Services im Alltag nutzen, erleben Praxen die Digitalisierung nach wie vor als Pflichtübung: zusätzliche Anwendungen, fragmentierte Portale, Insellösungen. Dabei ist längst klar, dass die Digitalisierung kein Selbstzweck, sondern eine Frage der Versorgungsqualität ist.

Schnittstellen sind dabei viel mehr als technische Verbindungen, sie sind die Brücken zwischen Patientinnen und Patienten, Institutionen und Informationen. Hausarztpraxen, Facharztpraxen, Krankenhäuser und weitere Leistungserbringerinnen und Leistungserbringer arbeiten heute noch zu oft digital nebeneinander statt miteinander. Was fehlt sind Schnittstellen, als Brücken, die Informationen tatsächlich verfügbar und nutzbar machen. Der entscheidende Wandel wird sein, dass diese Brücken nicht mehr im Einzelnen, sondern in Teilen eines vernetzten Gesamtsystems gedacht werden.

Von der Anbindung zur Interoperabilität

Ob Überweisung oder Entlassbrief: Der Austausch medizinischer Informationen ist essenziell für eine koordinierte Versorgung. Aktuell erleben viele Praxen Schnittstellen jedoch noch als Hindernis; zu viele Formate, zu viele Portale und zu wenig echte Integration. Der Informationsaustausch ist oft noch zu spät, zu bruchstückhaft oder zu manuell. Noch immer landen unzählige Dokumentation – oft in PDF-Form per Mail, Post oder Fax in Praxen, dort müssen sie ausgedruckt, eingescannt und sortiert werden. Technisch sind die meisten Praxen bereits angebunden: Praxisverwaltungssysteme (PVS) kommunizieren in der Telematikinfrastruktur, der Medizinische Kommunikationsdienst (KIM) ist eingeführt, die elektronische Patientenakte (ePA) umgesetzt. Doch Vernetzung bedeutet mehr als Übertragung. Entscheidend ist, ob Informationen verständlich, strukturiert und weiter verarbeitbar vorliegen.

Doch der Wunsch ist klar – weg von Insellösungen, hin zur Interoperabilität. Grundlage hierfür sollen Standards wie HLR 7 FHIR und die Weiterentwicklung der Telematikinfrastruktur zu TI 2.0 sein. Die „neue TI“ wird sicherer, aber auch offener, cloudbasierter und anwendungsnäher. Somit verschiebt sich der Fokus vom „Anschluss an die TI“ hin zu einem reibungslosen Zusammenspiel aller Systeme.

Schnittstellen werden Interaktionspunkte über die Sektorengrenzen hinweg. Daten fließen somit nicht mehr nur in eine Richtung, sondern vom Praxisverwaltungssystem, Krankenhausinformationssystem und der elektronischen Patientenakte (ePA) über die Sektoren hinweg. Daten fließen somit kontextbezogen und dynamisch. Hierfür braucht es strukturierte Daten, welche nicht mehr als PDF vorliegen, sondern als strukturiere Information, die im Zielsystem direkt verarbeitet werden können. Hierfür werden für immer mehr Formblätter strukturierte Daten technisch umgesetzt und entsprechen integriert.

Die Bedeutung von KIM wird wachsen

Die Kommunikation im Medizinwesen (KIM) ist eine wichtige Anwendung, um eine sichere und elektronische Kommunikation zu ermöglichen. Doch der bisherige Nutzen zeigt, noch sind nicht alle Potenziale ausgeschöpft. Heute bedeutet KIM oft noch digitale Post statt digitaler Prozesse. Zukünftig soll KIM nicht nur als Maildienst, sondern als integraler Bestandteil digitaler Abläufe und Austausch, verstanden werden.

Dies bedeutet: KIM-Nachrichten werden direkt in der Praxissoftware integriert, strukturierte Anhänge erkannt und in den richtigen Feldern oder Teilen der Systeme übernommen. Durch die Weiterentwicklung technischer Standards und die Verbindung mit FHIR-basierten Daten entstehen ganzheitliche Kommunikationsprozesse – beispielsweise dann, wenn Laborüberweisungen automatisch alle Patientendaten enthält oder ein Facharztbericht direkt in der ePA abgelegt wird, ohne dass jemand Daten manuell importieren muss.

ePA als Drehscheibe

Die verpflichtende Einführung der Opt-Out-ePA für Versicherte seit 2025 läutet einen weiteren Change ein. Die ePA wird in den nächsten Jahren zu einem echten Versorgungsinstrument – vorausgesetzt sie wird konsequent genutzt und weiterentwickelt.

Die Vision: Die ePA ist nicht länger ein passiver Datenspeicher, sondern die zentrale Drehscheibe für medizinische Informationen. Praxen können direkt aus ihrer gewohnten Software alle relevanten Dokumente abrufen, Patientinnen und Patienten erhalten Transparenz und Kontrolle über ihre Daten und Fachärztinnen und Fachärzte, Kliniken und Reha-Einrichtungen können alle gleichermaßen auf dieselbe Informationsbasis zugreifen. In der nächsten Entwicklungsstufe werden strukturierte Daten, etwa Laborwerte, Medikationspläne oder Diagnosen, automatisch zwischen ePA und PVS synchronisiert. Die Doppelarbeit der Datenpflege entfällt somit.

KI als Assistenzsystem der Versorgung

Künstliche Intelligenz (KI) wird das digitale Ökosystem weiter ergänzen. Nicht indem sie ärztliche Entscheidungen abnimmt, sondern indem sie durch Informationen Entscheidungen unterstützt. KI-gestützte Systeme werden in Zukunft helfen, relevante Befunde aus verschiedenen Quellen zusammenzuführen, Dubletten zu vermeiden und Hinweise auf Vorerkrankungen und Wechselwirkungen zu geben. Für die Praxis bedeutet das, es muss weniger Zeit aufgewendet werden, um Daten zu suchen oder zu übertragen. Somit wird Zeit gewonnen für das Wesentliche – die Versorgung der Patientinnen und Patienten. Je besser die Datenbasis, desto größer wird der Nutzen der KI.

Digitalisierung ist kein IT-Projekt, sondern Teil einer modernen medizinischen Zusammenarbeit.

Mehr Verbindung, weniger Reibung

Technisch sind Schnittstellen Mittel zum Zweck. Entscheidend wird sein, dass sie die Kommunikation und Kooperation in der Versorgung wirklich verbessern.

Ein Beispiel: Wenn Haus- und Facharztpraxen Informationen in denselben Formaten austauschen können, können Behandlungsverläufe besser abgestimmt werden. Medikationsänderungen sind sofort sichtbar, Kontrolltermine können automatisch vorgeschlagen werden, Fachärztinnen und Fachärzte erhalten relevante Informationen ebenso automatisiert. Wenn Krankenhäuser strukturierte Entlassbriefe schreiben, welche sich direkt in das System der weiterbehandelnden Haus- und Facharztpraxis einspeisen lassen, reduzieren sich Rückfragen, Doppeluntersuchungen und Fehlerquellen.

Die digitale Zusammenarbeit wird dadurch fließender: Überweisungen, Befunde, Medikationsänderung oder auch Rückmeldungen zum Behandlungsverlauf werden künftig weitgehend automatisiert zwischen den Versorgungsebenen ausgetauscht. Dies entlastet nicht nur Praxen, sondern auch Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen, ohne Medienbrüche, ohne Informationsverlust.

Doch Technik allein wird die Transformation nicht tragen. Entscheidend ist Vertrauen, auch in den Datenschutz und die Datensicherheit. Die TI 2.0 verspricht, dass durch moderne Sicherheitsarchitekturen und klare Rollenmodelle dieses Vertrauen gestärkt werden soll. Genauso muss an der Haltung gearbeitet werden, da die Digitalisierung kein IT-Projekt ist, sondern Teil einer modernen medizinischen Zusammenarbeit.

So entstehen auch neue Formen der kollegialen Kooperationen: Fallkonferenzen, an denen Hausarztpraxen, Facharztpraxen und Kliniken digital teilnehmen; KI-gestützte Entscheidungshilfen, die auf aktuelle Daten zugreifen und mündige Patientinnen und Patienten, die auch die Daten aus ihrer ePA aktiv einbringen können.

Das Gesundheitsnetz wird dichter – Ausblick

In fünf Jahren wird das Gesundheitswesen anders aussehen: Weniger Dokumente, mehr Daten, weniger Übertragungswege, mehr Integration. Die Grenzen zwischen ambulant und stationär, zwischen Praxis und Klinik, werden digital durchlässiger. Zukünftig wird nicht mehr überlegt ob digital, sondern wie digital kommuniziert wird und mit wem.

Schnittstellen werden nicht mehr als Herausforderung wahrgenommen, sondern als selbstverständlicher Teil der Versorgung. Und damit erfüllt sich das Versprechen der Digitalisierung: mehr Verbindung, weniger Reibung, bessere Versorgung.